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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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bezeichnen, wie die Symmetrie als Rhythmus im Raum. Wenn manrhythmische Bewegungen in Linien zeichnet, so werden diese symmetrisch;und umgekehrt: die Betrachtung des Symmetrischen ist ein rhythmischesVorstellen. Beides sind nur verschiedene Formen desselben Grundmotives.Wie in den Künsten des Ohres der Rhythmus, so ist in denen des Augesdie Symmetrie der Anfang aller Gestaltung des Materiales. Um über-haupt in die Dinge Idee, Sinn, Harmonie zu bringen, muls man sie zu-nächst symmetrisch gestalten, die Teile des Ganzen untereinander aus-gleichen, sie ebenmälsig um einen Mittelpunkt herum ordnen. Die form-gebende Macht des Menschen gegenüber der Zufälligkeit und Wirrnisder blofs natürlichen Gestaltung wird damit auf die schnellste, sichtbarsteund unmittelbarste Art versinnlicht. Die Symmetrie ist der erste Kraft-beweis des Rationalismus, mit dem er uns von der Sinnlosigkeit der Dingeund ihrem einfachen Hinnehmen erlöst. Deshalb sind auch die Sprachenunkultivierter Völker oft viel symmetrischer gebaut, als die Kultur-sprachen, und sogar die soziale Struktur zeigt z. B. in den »Hundert-schaften«, die das Organisationsprinzip der verschiedensten Völker niedererStufe bilden, die symmetrische Einteilung als einen ersten Versuch derIntelligenz, die Massen in eine überschaubare und lenkbare Form zu bringen.Die symmetrische Anordnung ist, wie gesagt, durchaus rationalistischenWesens, sie erleichtert die Beherrschung des Vielen und der Vielen voneinem Punkte aus. Die Anstölse setzen sich länger, widerstandsloser,berechenbarer durch ein symmetrisch angeordnetes Medium fort, als wennder innere Bau und die Grenzen der Teile unregelmäfsig und fluktuierendsind. Wenn Dinge und Menschen unter das Joch des Systems gebeugtd. h. symmetrisch angeordnet sind, so wird der Verstand am schnellstenmit ihnen fertig. Daher hat sowohl der Despotismus wie der Sozialismusbesonders starke Neigungen zu symmetrischen Konstruktionen der Gesell-schaft, beide, weil es sich für sie um eine starke Zentralisierung derletzteren handelt, um derentwillen die Individualität der Elemente, dieUngleichmäfsigkeit ihrer Formen und Verhältnisse zur Symmetrie nivelliertwerden mufs. In äulserlichem Symbol: Ludwig XIV. soll seine Gesund-heit aufs Spiel gesetzt haben, um Türen und Fenster symmetrisch zuhaben. Und ebenso konstruieren sozialistische Utopien die lokalen Einzel-heiten ihrer Idealstädte oder -Staaten immer nach dem Prinzip derSymmetrie: entweder in Kreisform oder in quadratischer Form werdendie Ortschaften oder Gebäude angeordnet. In Campanellas Sonnenstaatist der Plan der Reichshauptstadt mathematisch abgezirkelt, ebenso wiedie Tageseinteilung der Bürger und die Abstufung ihrer Rechte undPflichten. Rabelais Orden der Thelemiten lehrt, in Opposition zu Morus,