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einen so absoluten Individualismus, dals es in diesem Utopien keine Uhrgeben darf, sondern alles nach Bedürfnis und Gelegenheit geschehen soll;aber der Stil der unbedingten Ausgerechnetheit und Rationalisierung desLebens verlockt ihn doch, die Gebäulichkeiten seines Idealstaates genaus) r mmetrisch anzuordnen: ein Riesenbau in Form eines Sechsecks, in jederEcke ein Turm, sechzig Schritt im Durchmesser. Die »Bauhütte« dermittelalterlichen Baugenossenschaften mit ihrer strengen, abgezirkelten, Allesnormierenden Lebensweise und Verfassung war möglichst in quadratischerForm gebaut. Dieser allgemeine Zug sozialistischer Pläne zeugt nur inroher Form für die tiefe Anziehungskraft, die der Gedanke der harmonischen,innerlich ausgeglichenen, allen Widerstand der irrationalen Individualitätüberwindenden Organisation des menschlichen Tuns ausübt. Die sym-metrisch-rhythmische Gestaltung bietet sich so als die erste und einfachstedar, mit der der Verstand den Stoff des Lebens gleichsam stilisiert, be-herrschbar und assimilierbar macht, als das erste Schema, vermöge dessener sich in die Dinge hineinbilden kann. Aber eben damit ist auch dieGrenze für Sinn und Recht dieses Lebensstiles angedeutet. Denn nachzwei Seiten hin wirkt er vergewaltigend: einmal auf das Subjekt, dessenImpulse und Bedürfnisse doch nicht in prästabilierter, sondern jedesmalnur glücklich-zufälliger Harmonie mit jenem feststehenden Schema auf-treten; und nicht weniger der äufseren Wirklichkeit gegenüber, derenKräfte und Verhältnisse zu uns sich nur gewaltsam in einen so einfachenRahmen fassen lassen. Unter richtiger Verteilung auf die verschiedenenGeltungsgebiete kann man dies, mit nur scheinbarer Paradoxie, so aus-sprechen: die Natur ist nicht so symmetrisch wie die Seele es fordert,und die Seele nicht so symmetrisch, wie die Natur es fordert. AlleGewalttätigkeiten und Inadäquatheiten, die die Systematik gegenüber derWirklichkeit mit sich bringt, kommen auch der Rhythmisierung undSymmetrie in der Gestaltung der Lebensinhalte zu. Wie es am Einzel-menschen zwar eine erhebliche Kraft verrät, wenn er Personen undDinge sich assimiliert, indem er ihnen die Form und das Gesetz seinesWesens aufzwingt, wie aber der noch gröfsere Mensch den Dingen inihrer Eigenart gerecht wird und sie gerade mit dieser und gemäfs ihrerin den Kreis seiner Zwecke und seiner Macht hineinzieht — so ist eszwar schon eine Höhe des Menschlichen, die theoretische und praktischeWelt in ein Schema von uns aus zu zwingen; gröfser aber ist es,die eignen Gesetze und Forderungen der Dinge anerkennend und ihnenfolgsam, sie erst so in unser Wesen und Wirken einzubauen. Denn dasbeweist nicht nur eine sehr viel gröfsere Expansionsfähigkeit und Bild-samkeit des letzteren, sondern es kann auch den Reichtum und die