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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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es ist der ganze Sinn der Kunst, aus einem zufälligen Bruchstück derWirklichkeit, dessen Unselbständigkeit durch tausend Fäden mit dieserverbunden ist, eine in sich ruhende Totalität, einen jedes Aufserhalb-seiner unbedürftigen Mikrokosmos zu gestalten. Der typische Konfliktzwischen dem Individuum und dem überindividuellen Sein ist darstellbarals das unvereinbare Streben beider, zu einem ästhetisch befriedigendenBilde zu werden.

Das Geld scheint zunächst nur der Ausprägung einer dieser Gegen-satzformen zu dienen. Denn es selbst ist absolut formlos, es enthält insich nicht den geringsten Hinweis auf eine regelmäfsige Hebung undSenkung der Lebensinhalte, es bietet sich jeden Augenblick mit dergleichen Frische und Wirksamkeit dar, es nivelliert durch seine Fern-wirkungen wie durch seine Reduktion der Dinge auf ein und dasselbeWertmafs unzählige Schwankungen, gegenseitige Ablösungen vonDistanz und Annäherung, Schwingung und Stillstand, die dem Individuumsonst allgemeingültige Abwechslungen in seinen Betätigungs- undEmpfindungsmöglichkeiten auferlegten. Es ist sehr bezeichnend, dafsman das kursierende Geld flüssig nennt: wie einer Flüssigkeit fehlenihm die inneren Grenzen, und nimmt es die äufseren widerstandslos vonder festen Fassung an, die sich ihm jeweilig bietet. So ist es das durch-greifendste, weil für sich völlig indifferente Mittel für die Überführungeines uns überindividuell zwingenden Rhythmus von Lebensbedingungenin eine Ausgeglichenheit und Schwankungslosigkeit derselben, die unserenpersönlichen Kräften und Interessen eine freiere, einerseits individuellere,andrerseits reiner sachliche Bewährung gestattet. Dennoch: geradedieses an sich wesenlose Wesen des Geldes ermöglicht, dafs es sichauch der Systematik und Rhythmik des Lebens leihe, wo das Ent-wicklungsstadium der Verhältnisse oder die Tendenz der Persönlichkeitdarauf hindrängt. Während wir gesehen haben, dafs zwischen liberalerVerfassung und Geldwirtschaft eine enge Korrelation besteht, war dochnicht weniger bemerkbar, dafs der Despotismus im Gelde eine un-vergleichlich zweckmäfsige Technik findet, ein Mittel, die räumlichfernsten Punkte seiner Herrschaft an sich zu binden, die bei Natural-wirtschaft immer zu Abschnürung und Verselbständigung neigen. Undwährend die individualistische Sozialform Englands an der Ausbildungdes Geldwesens grofs geworden ist, zeigt sich dasselbe nicht nur in demSinn als Vorläufer sozialistischer Formen, dafs es durch einen dialektischenProzefs in diese als in seine Negation umschlage, sondern ganz direktgeben, wie wir an manchen Stellen sahen, spezifisch geldwirtschaftliche

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