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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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noch reich war; und umgekehrt, wer dauernde Werte für geliehenesGeld erworben hatte, zahlte seine Schuld in inzwischen entwertetemGelde zurück und wurde dadurch reich. Dies machte es nicht nur zumdringenden Interesse eines jeden, seine wirtschaftlichen Operationen mitgröfster Beschleunigung abzuwickeln, Abschlüsse auf lange Sicht zu ver-meiden und rasch zugreifen zu lernen sondern jene Besitzschwankungenerzeugten auch die fortwährenden Unterschiedsempfindungen, die plötz-lichen Risse und Erschütterungen innerhalb des ökonomischen Weltbildes,die sich in alle möglichen anderen Provinzen des Lebens fortpflanzenund so als wachsende Intensität seines Verlaufes oder Steigerung seinesTempos empfunden werden. Man hat deshalb geradezu dem schlechteren neben dem besseren Geld eine Nützlichkeit zugesprochen: es seirichtig, Schulden mit schlechterem Gelde abzahlen zu lassen, weil in derRegel die Schuldner die aktiven wirtschaftlichen Produzenten seien, dieGläubiger dagegen passive Konsumenten, denen der Verkehr sehr vielweniger Leben als jenen verdanke. Anfangs des 18. Jahrhunderts wurdein Konnektikut, anfangs des 19. in England das ungedeckte Papiergeldzwar nicht zum gesetzlichen Umlaufsmittel gemacht, aber jeder Gläubigerwar gezwungen, es als Schuldzahlung anzunehmen. Dafs nach un-verhältnismäfsiger Papierausgabe dann die Krisis das wirtschaftlicheLeben in demselben Verhältnis retardiert und erstarren läfst, beweistgerade die spezifische Bedeutung des Geldes für sein Tempo. Auchhier entspricht seine Rolle für den objektiven Verlauf der Wirtschaftder des Vermittlers für die subjektive Seite derselben: denn es istmit Recht bemerkt worden, dafs die Vermehrung der Tauschmittelüber das Bedürfnis hinaus den Tausch verlangsamt, gerade wie die Ver-mehrung der Makler zwar bis zu einem gewissen Punkte verkehrs-erleichternd, über diesen hinaus aber verkehrserschwerend w T irke. Ganzprinzipiell angesehen, ist das Geld freilich um so beweglicher, je schlechteres ist, denn jeder wird es so schnell wie möglich loszuwerden suchen.Der naheliegende Einwurf: dafs zu einem Handel doch zwei gehören,und dafs die Leichtigkeit des Weggebens schlechten Geldes durch dieBedenklichkeit, es anzunehmen, paralysiert werde ist nicht ganz zu-treffend, weil schlechtes Geld immerhin besser ist als garkeines (was manentsprechend von schlechter Ware nicht immer sagen kann). Von derAbneigung des'Warenbesitzers gegen das schlechte Geld mufs also seineNeigung für Geld überhaupt abgezogen werden; so dafs die Neigungdes Käufers und die Abneigung des Verkäufers, das schlechte Geld gegenWare zu tauschen, sich nicht ganz die Wage halten, sondern die letztere,als die schwächere, die durch die erstere nahegelegte Zirkulations-