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Ablauf der ökonomisch-psychischen Prozesse verraten sich am ehestenin den Entwicklungen schlechten Papiergeldes — gerade wie mancheSeiten der normalen Physiologie durch pathologische und Entartungsfälleihre hellste Beleuchtung empfangen. Der unorganische und unfundamen-tierte Geldzuflufs bewirkt zunächst ein sprunghaftes und der innerenRegulierung entbehrendes Steigen aller Preise. Die erste Geldplethorareicht aber immer nur aus, um den Ansprüchen gewisser Warenkategorienzu genügen. Deshalb zieht jede Ausgabe von unsolidem Papiergeld diezweite nach sich, und die zweite noch weitere. »Jeder Vorwand — sowird über Rhode-Island vom Anfang des 18. Jahrhunderts berichtet —diente zu weiterer Vermehrung der Noten. Und wenn das Papiergeldalle Münze aus dem Lande getrieben hatte, war die Knappheit desSilbers ein neuer Grund weiterer Emissionen.« Das ist das Tragischesolcher Operationen, dafs die zweite Emission nötig ist, um den An-sprüchen zu genügen, die aus der ersten folgen. Das wird sich um soumfassender geltend machen, je mehr das Geld selbst das unmittelbareZentrum der Bewegungen ist: die Preisrevolutionen infolge von Papier-geldüberschwemmungen führen zu Spekulationen, die zu ihrer Abwicklungimmer gewachsene Geldvorräte erfordern. Man kann sagen, dafs dieTempo-Beschleunigung des sozialen Lebens durch Geldvermehrung amsichtbarsten da eintreten wird, wo es sich um Geld seiner reinenFunktionsbedeutung nach, ohne irgend einen Substanzwert, handelt; dieSteigerung des gesamten ökonomischen Tempos findet hier gleichsamnoch in einer höheren Potenz statt, weil sie jetzt sogar rein immanentbeginnt, d. h. sich in erster Instanz in der Beschleunigung der Geld-fabrikation selbst offenbart. Es ist für diesen Zusammenhang beweisend,wenn in Ländern, deren wirtschaftliches Tempo überhaupt ein rapidesist, das Papiergeld jenem Anwachsen seiner Quantität ganz besondersschnell unterliegt. Über Nord-Amerika sagt ein genauer Kenner in dieserBeziehung: »Man kann nicht erwarten, dafs ein Volk, so ungeduldiggegenüber kleinen Gewinnen, so durchdrungen davon, dafs sich Reichtumaus Nichts oder wenigstens aus sehr wenig machen läfst — sich dieSelbstbeschränkungen auferlegen wird, die in England oder Deutschland die Gefahren der Papiergeldemissionen auf ein Minimum reduzieren.«Die Beschleunigung des Lebenstempos durch die Papiergeldvermehrungenliegt aber insbesondere in den Umwälzungen des Besitzes, die von ihnenausgehen. So geschah es sehr sichtbar in der nordamerikanischen Papier-geldwirtschaft bis zum Unabhängigkeitskriege. Das massenhaft fabrizierteGeld, das am Anfang noch zu höherem Wert kursiert hatte, erlitt diefürchterlichsten Einbufsen. Dadurch konnte heute arm sein, wer gestern