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zur Bewahrung des Status quo ante — sowohl was das Verhältnis derSchichten zu einander, wie was die Lebenshaltung der einzelnen betrifft —jetzt nicht mehr konservatives oder defensives Beharren, sondern positiverKampf und Eroberung erforderlich ist. Dies ist eine wesentliche Ursache,aus der jede Vermehrung des Geldquantums so anregend auf das Tempodes sozialen Lebens wirkt: weil sie über die bereits bestehenden Unter-schiede hinaus neue schafft, Spaltungen, bis hinein in das Budget derEinzelfamilie, an denen das Bewufstsein fortwährende Beschleunigungenuud Vertiefungen seines Verlaufes finden mufs. Es liegt übrigens aufder Hand, dafs ein erheblicher Geldabflufs ähnliche Erscheinungen, nurgleichsam mit umgekehrtem Vorzeichen, hervorrufen mufs. Darin aberzeigt sich das enge Verhältnis des Geldes zu dem Tempo des Lebens,dafs ebenso seine Vermehrung wie seine Verminderung, durch ihre un-gleichmäfsige Ausbreitung, jene Differenzerscheinungen ergeben, die sichpsychisch als Unterbrechungen, Anreizungen, Zusammendrängungen desVorstellungsverlaufes spiegeln. — Diese Bedeutung der Änderungendes Geldstandes ist nur ein Phänomen oder eine Akkumulierung derBedeutung des Geldes für das Verhältnis der Dinge, d. h. ihrer seelischenÄquivalente. Das Geld hat eine neue Gleichung zwischen den Dingengestiftet. Man vergleicht sie sonst untereinander nach ihrem direktenNutzungs-, ihrem ästhetischen, ethischen, Arbeits-, eudämonistischen Wert,nach hundert Beziehungen der Quantität und Qualität; und ihre Gleichheitin einer dieser Beziehungen kann unter vollständiger Ungleichheit in andrerbestehen. Ihr Geldwert nun schafft eine Gleichung und Vergleichungzwischen ihnen, die keineswegs eine stetige Funktion der andern, aberdoch immer der Ausdruck irgend welcher, aus jenen entstandener bezw.kombinierter Wertgedanken ist. Jeder Wertgesichtspunkt, von dem ausdie Dinge eine Rangierung, jenseits der sonstigen und diese durch-querend gewinnen, ist zugleich eine Lebendigkeit mehr in ihrem Ver-hältnis, eine Anregung zu vorher ungekannten Kombinationen und Ver-drängungen, Verwandtschafts- und Differenzstiftungen — denn unsereSeele ist wie in einer dauernden Bestrebung, Ungleiches gegeneinanderauszugleichen, dem Gleichen Unterschiede aufzudrängen. Indem dasGeld nun in einem Umfang, wie kein anderer Wertgesichtspunkt, denDingen Gleichheiten und Ungleichheiten verleiht, erregt es unzähligeBemühungen, diese mit den Rangierungen aus den anderen Wertenheraus im Sinne jener zweifachen Tendenzen zu verbinden.
Abgesehen nun von den Folgen der Veränderungen des Geld-bestandes, die das Tempo des Lebens gleichsam als eine Funktion derVeränderungen jenes erscheinen lassen, tritt die Zusammendrängung der