Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
575
Einzelbild herunterladen
 

575

Lebensinhalte noch in einer anderen Folge des Geldverkehrs hervor.Es ist diesem nämlich eigentümlich, dafs er zur Konzentration an ver-hältnismäfsig wenigen Plätzen drängt. In bezug auf lokale Diffusionkann man eine Skala der ökonomischen Objekte auf stellen, von der ichhier nur ganz im Rohen einige der charakteristischsten Stufen andeute.Sie beginnt mit dem Ackerbau, dessen Natur jeder Zusammenrückungseiner Gebietsteile widersteht; er schliefst sich unabwendbar dem ur-sprünglichen Aufsereinander des Raumes an. Die industrielle Produktionist schon komprimierbarer: der Fabrikbetrieb stellt eine räumliche Kon-densierung gegenüber dem Handwerk und der Hausindustrie dar, dasmoderne Industriezentrum ist ein gewerblicher Mikrokosmos, in den jedein der Welt vorhandene Gattung von Rohstoffen strömt, um zu Formengestaltet zu werden, deren Ursprünge weltweit auseinanderliegen. Dasäufserste Glied dieser Stufenleiter bilden die Geldgeschäfte. Das Geldsteht vermöge der Abstraktheit seiner Form jenseits aller bestimmtenBeziehungen zum Raum: es kann seine Wirkungen in die weitestenFernen erstrecken, ja es ist gewissermafsen in jedem Augenblick derMittelpunkt eines Kreises potenzieller Wirkungen-, aber es gestattet auchumgekehrt, die gröfste Wertsumme in die kleinste Form zusammen-zudrängen bis zu dem 10 Millionen-Dollar-Check, den Jay Gould einmal ausstellte. Der Komprimierbarkeit der Werte vermöge desGeldes, und des Geldes vermöge seiner immer abstrakteren Formen ent-spricht nun die der Geldgeschäfte. In dem Mals , in dem die Wirtschafteines Landes mehr und mehr auf Geld gestellt wird, schreitet die Kon-zentrierung seiner Finanzaktionen in grofsen Knotenpunkten des Geld-verkehrs vor. Von jeher war die Stadt im Unterschied vom Lande derSitz der Geldwirtschaft; dies Verhältnis wiederholt sich zwischen Klein-und Grofsstädten, so dafs ein englischer Historiker sagen konnte, London habe, in seiner ganzen Geschichte, niemals als das Herz von England gehandelt, manchmal als sein Gehirn, aber immer als sein Geldbeutel;und schon am Ende der römischen Republik heilst es, jeder Pfennig, derin Gallien ausgegeben werde, gehe durch die Bücher der Finanziers inRom . An dieser Zentripetalkraft der Finanz hängt das Interesse beiderParteien: der Geldnehmer, weil sie wegen der Konkurrenz der zu-sammenströmenden Kapitalien billig borgen (in Rom stand der Zinsfulshalb so hoch als sonst durchschnittlich im Altertum), der Geldgeber,weil sie das Geld zwar nicht so hoch, wie an isolierten Punkten, aus-leihen, aber des Wichtigeren sicher sind, jederzeit überhaupt Verwendungdafür zu finden; weshalb man denn auch bemerkt hat, dafs Kontraktionendes Geldmarktes im Zentrum desselben immer schneller überwunden