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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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werden, als an den verschiedenen Punkten seiner Peripherie. Indemdas Geld diese, seinem Wesen als Tendenz innewohnende Zentralisierunggefunden hat, hat es das Präliminarstadium überwunden, in dem es sichnur in den Händen zerstreuter Einzelpersonen akkumulierte. Gerade derdurch das Geld ausgeübten Übermacht Einzelner hat die Zentralisierungdes Geldverkehrs an den Börsen entgegengewirkt; so sehr die Börsenvon Lyon und Antwerpen im 16. Jahrhundert einzelnen Geldmagnatenenorme Gewinne ermöglichten, so war doch mit ihnen die Macht desGeldes in einem Zentralgebilde objektiviert, dessen Kräfte und Normenauch dem mächtigsten Einzelnen überlegen waren und es verhinderten,dafs je wieder ein einzelnes Haus den Gang der Weltgeschichte so be-stimmte, wie die Fugger es noch konnten. Der tiefere Grund für dieBildung von Finanzzentren liegt offenbar in dem Relativitätscharakterdes Geldes: weil es einerseits nur die Wertverhältnisse der Warenuntereinander ausdrückt, weil andrerseits jedes bestimmte Quantum seinereinen weniger unmittelbar festzustellenden Wert besitzt, als das irgendeiner anderen Ware, sondern mehr als jede andere ausschliefslich durchVergleichung mit dem angebotenen Gesamtquantum überhaupt eine Be-deutung erhält so wird seine maximale Konzentrierung auf einenPunkt, das fortwährende Gegeneinanderhalten möglichst grofser Summen,die Ausgleichung eines überwiegenden Teiles von Angebot und Nach-frage überhaupt, zu seiner gröfseren Wertbestimmtheit und Verwendbarkeitführen. Ein Scheffel Getreide hat eine gewisse Bedeutung an jedemnoch so isolierten Platze, so grofse Unterschiede auch sein Geldpreisaufweise. Ein Geldquantum aber hat seine Bedeutung nur im Zusammen-treffen mit anderen Werten; mit je mehren es zusammentrifft, um sosicherer und gerechter erlangt es jene; deshalb drängt nicht nur »allesnach Golde« die Menschen wie die Dinge sondern das Gelddrängt auch seinerseits nach »Allem«, es sucht sich mit anderem Gelde,mit allen möglichen Werten undi hren Besitzern zusammenzubringen. Undder gleiche Zusammenhang in umgekehrter Richtung: der Konflux vielerMenschen erzeugt ein besonders starkes Bedürfnis nach Geld. InDeutschland entstand eine hauptsächliche Nachfrage nach Geld durchdie Jahrmärkte, die die Territorialherren einrichteten, um an Münz-tausch und Warenzoll zu profitieren. Durch diese zwangsweise Kon-zentrierung des Handelsverkehrs eines gröfseren Territoriums an einemPunkte wurde Kauflust und Umsatz sehr gesteigert, der Gebrauch desGeldes wurde erst dadurch zur allgemeinen Notwendigkeit. Wo nurimmer viele Menschen Zusammenkommen, wird Geld verhältnismäfsigstärker erfordert werden. Denn wegen seiner an sich indifferenten Natur