Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
578
Einzelbild herunterladen
 

578

Krone ausgingen, war ein ganz anderer Anstois zu Kauf und Verkaufgegeben, als bei Stabilität des Wertes bestanden hatte. Die Möglich-keit, die das Geld gewährt, jedefl Schätzungswechsel unbedingt nach-giebig auszudrücken, mufs diesen selbst unendlich steigern, ja vielfacherzeugen. Und davon ist es nun sowohl Ursache wie Wirkung, dafsdie Börse, das Zentrum des Geldverkehrs und gleichsam der geometrischeOrt all jener Schätzungswechsel, zugleich der Punkt der gröfsten kon-stitutionellen Aufgeregtheit des Wirtschaftslebens ist: ihr sanguinisch-cholerisches Schwanken zwischen Optimismus und Pessimismus, ihrenervöse Reaktion auf Ponderabilien und Imponderabilien, die Schnellig-keit, mit der jedes den Stand verändernde Moment ergriffen, aber auchwieder vor dem nächsten vergessen wird alles dies stellt eine extremeSteigerung des Lebenstempos dar, eine fieberhafte Bewegtheit und Zu-sammendrängung seiner Modifikationen, in der der spezifische Einflufsdes Geldes auf den Ablauf des psychischen Lebens seine auffälligsteSichtbarkeit gewinnt.

Endlich mufs die Geschwindigkeit, die der Zirkulation des Geldesgegenüber der aller anderen Objekte eigen ist, das allgemeine Lebens-tempo unmittelbar und in demselben Mafse steigern, in dem das Gelddas allgemeine Interessenzentrum wird. Die Rundheit der Münzen, in-folge deren sie »rollen müssen«, symbolisiert den Rhythmus der Be-wegung, die das Geld dem Verkehr mitteilt: selbst wo die Münze ur-sprünglich eckig war, mufs der Gebrauch zunächst die Ecken abgeschliffenund sie der Rundung angenähert haben; physikalische Notwendigkeitenhaben so der Intensität des Verkehrs die ihm dienlichste Werkzeugsformverschafft. Vor hundert Jahren gab es in den Nilländern sogar vielfachKugelgeld, aus Glas, Holz, Achat durch die Verschiedenheit derStoffe beweisend, dafs seine Form der Grund der ihm nachgesagtenBeliebtheit war. So ist es doch mehr als ein zufälliges Zusammentreffender Bezeichnungen, wenn ganzen Geldsummen gegenüber das Prinzipder »Abrundung« auftaucht und zwar erst mit steigender Geldwirtschaft.Die Abrundung ist ein relativ moderner Begriff. Die primitivste Formder Anweisungen auf das englische Schatzamt waren Kerbhölzer, dieauf ganz beliebige, ungleichmäfsige Beträge lauteten und vielfach alsGeld kursierten. Erst im 18. Jahrhundert wurden sie durch indossablePapierscheine ersetzt, welche bestimmte runde Beträge von 5 Pfundaufwärts darstellten. Es ist überhaupt auffällig, wie wenig man früher,selbst bei grofsen Beträgen, auf Abrundung sah. Fälle wie die, dafsdie Fugger 1530 für den Kaiser Ferdinand 275 333 fl. und 20 kr. aus-zuzahlen übernahmen und dafs ihnen 1577 Kaiser Maximilian II. 220 674 fl.