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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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schuldete, sind nicht selten. Die Entwicklung des Aktienwesens gehtdenselben Gang. Das Aktienkapital der Ostindischen Kompanie in denNiederlanden liefs sich im 17. Jahrhundert in ganz beliebig grolse Stückezerlegen. Erst die Beschleunigung des Verkehrs brachte es dahin, dafsschlielslich eine feste Einheit von 500 Pfund Vlämisch der allein ge-handelte Teilbetrag und »eine Aktie« schlechthin wurde. Noch heutesind es die Plätze des gröfseren Geldverkehrs, in denen auch der Klein-handel sich nach runden Summen vollzieht, während die Preise an ab-gelegenen Orten dem Grofsstädter merkwürdig wenig abgerundet Vor-kommen. Die schon oben hervorgehobene Entwicklung von unbehilflichgrofsen zu zerkleinerten Münz - und Anweisungswerten hat offenbar die-selbe Bedeutung für die Steigerung des Verkehrstempos wie die Ab-rundung, was schon die physikalische Analogie nahelegt. Das Bedürfnis,das Geld klein zu machen, steigt mit der Raschheit des Verkehrs über-haupt, und es ist für diese Zusammenhänge von Bedeutung, dafs eineNote der englischen Bank 1844 durchschnittlich nach ihrer Ausgabe57 Tage lief, bevor sie zur Einlösung präsentiert wurde, 1871 dagegennur 37 Tage! Vergleicht man etwa die Zirkulationsfähigkeit von Grundund Boden mit der des Geldes, so erhellt unmittelbar der Unterschieddes Lebenstempos' zwischen Zeiten, wo jener und wo dieses den Angel-punkt der ökonomischen Bewegungen ausmacht. Man denke z. B. anden Charakter der Steuerleistungen in Hinsicht auf äufsere und innereSchwankungen, je nachdem sie von dem einen oder von dem anderenObjekt erhoben werden. Im angelsächsischen und normannischen Eng-land galten (alle Auflagen ausschliefslich dem Landbesitz; im 12. Jahr-hundert schritt man dazu, Pachtzinse und Viehbesitz zu belasten; baldnachher wurden bestimmte Teile des beweglichen Eigentums (der 4., 7.,13. Teil) als Steuer erhoben. So wurden die Steuerobjekte immer beweg-licher, bis schlielslich das Geldeinkommen als das eigentliche Fundamentder Besteuerung auftritt. Damit erhält diese einen bis dahin unerhörtenGrad von Beweglichkeit und Nüanzierung und bewirkt, bei gröfsererSicherheit des Gesamterträgnisses, doch eine sehr viel gröfsere Variabilitätund jährliche Schwankung in der Leistung des Einzelnen. Aus dieserunmittelbaren Bedeutung und Betonung vom Boden oder vom Geld fürdas Tempo des Lebens erklärt sich einerseits der grofse Wert, den sehrkonservative Völker auf den Ackerbau legen. Die Chinesen sind über-zeugt, dafs nur dieser die Ruhe und Beständigkeit der Staaten sichert,und wohl aus diesem Zusammenhänge heraus haben sie auf den Verkaufvon Ländereien einen ungeheueren Stempel gesetzt; so dafs die meistenLandkäufe dort nur privatim und unter Verzicht auf die grundbuchliche

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