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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirt-schaftsgefinnung

Der vorkapitalistische Mensch: das ist der natürliche Mensch.Der Mensch, wie ihn Gott geschaffen hat. Der Mensch, dernoch nicht auf dem Kopfe balanciert und mit den Künden läuft(wie es der Wirtschafts mensch unserer Tage tut), sondern dermit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und auf ihnendurch die Welt schreitet. Seine Wirtschaftsgesinnung auf-zufinden, ist deshalb auch nicht schwer: sie ergibt sich wie vonselbst aus der menschlichen Natur.

Selbstverständlich steht im Mittelpunkt aller Bemühungenund aller Sorgen der lebendige Mensch. Er ist derMaßstaballer Dinge": men8urs omnium rerum liomc». Damit ist aberauch die Stellung des Menschen zur Wirtschaft schon bestimmt:diese dient wie alles übrige Menschenwerk menschlichen Zwecken').Also: das ist die grundlegend wichtige Folgerung aus dieser Auf-fassung ist der Ausgangspunkt aller wirtschaftlichen Tätigkeitder Bedarf des Menschen, das heißt sein naturaler Bedarfan Gütern. Wieviel Güter er konsumiert, soviel müssen pro-duziert werden; wieviel er ausgibt, soviel muß er einnehmen.Erst sind die Ausgaben gegeben, danach bestimmen sich die Ein-nahmen. Ich nenne diese Art der Wirtschaftsführung eineAusgabewirtschaft. Alle vorkapitalistische und vorbürger-liche Wirtschaft ist Ausgabewirtschaft in diesem Sinne.

Der Bedarf selbst wird nicht von der Willkür des Indivi-duums bestimmt, sondern hat im Laufe der Zeit innerhalb dereinzelnen sozialen Gruppen eine bestimmte Größe und Art an-genommen, die nun als fest gegeben angesehen wird. Das istdie Idee des standesgemäßen Unterhalts, die allevorkapitalistische Wirtschaftsführung beherrscht. Was das Lebenin langsamer Entwicklung ausgebildet hatte, empfängt dann von