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Zweiter AbschnittDer Bürgergeist
Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden
3n dem, was wir heute als kapitalistischen Geist bezeichnen,steckt außer dem Unternehmungsgeist und außer dem Erwerbs-triebe noch eine Menge anderer seelischer Eigenarten, von denenich einen bestimmten Komplex unter dem Begriffe der bürger-lichen Tugenden zusammenfasse. Darunter verstehe ich alle die-jenigen Ansichten und Grundsätze (und das nach ihnen gestalteteBetragen und Sichverhalten), die einen guten Bürger und Haus-vater, einen soliden und „besonnenen" Geschäftsmann ausmachen.Anders ausgedrückt: in jedem vollendeten kapitalistischen Anter-nehmer, in jedem Bourgeois steckt ein „Bürger". Wie schauter aus, wo ist er zur Welt gekommen?
Soviel ich sehe, tritt uns der „Bürger" in seiner Vollendungzuerst entgegen in Florenz um die Wende des 14. Jahrhunderts:während des Trecento ist er offenbar geboren. Damit spreche ichschon aus, daß ich unter „Bürger" nicht etwa jeden Bewohnereiner Stadt oder jeden Kaufmann und Handwerker verstehe,sondern ein eigenartiges Gebilde, das aus diesen äußerlich alsBürger erscheinenden Gruppen sich erst heraus entwickelt, einenMenschen von ganz besonderer Seelenbeschaffenheit, für denwir keine bessere Bezeichnung haben als die gewählte, freilichin „...": er ist ein „Bürger", sagen wir heute noch, um einenTypus, nicht um einen Stand zu bezeichnen.
Was unser Augenmerk, wenn wir nach der Geburt des„Bürgers" fragen, gerade auf Florenz hinlenkt, ist die Füllevon Zeugnissen, die wir für seine Existenz in jener Stadt schonim IS. Jahrhundert besitzen^"). Eine ganze Reihe von Ge-