Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden
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Mit theologischer Spitzfindigkeit erörterte Lorenzo die Frage,ob es eine Sünde sei, unverzollte Tuche und andere Wollwarenzu tragen. „Was die Seele anbetrifft, so kann ihr ein solchesTragen ausländischer Waren nicht schaden, wenn der Zoll einungerechtfertigter sein sollte. Daher mag, geliebte Brüder undSchwestern, euer Gewissen darüber beruhigt sein. Sollteaber jemand fragen wollen: ,Lorenzo, worauf begründest dudiese deine Ansicht über die ausländischen Tuche?', so antworteich ihm: im vergangenen Jahre 1499 befand ich mich in Ge-schäften in der Stadt Pisa; da hörte ich in der KircheSt. Michele eine Predigt des Dominikanermönchs Frater Zanobi,der mit erstaunlicher, fast unglaublicher Fülle von gelehrtenBeweisen dasselbe über die ausländischen Tuche ausführte wieich jetzt."
Zum Schluß erzählte Lorenzo weitschweifig, wie ihn derDämon der Äölle — ciemonio infernale — vom Schreiben diesessür die Seele heilsamen Buches abgehalten habe. Anter anderemhätte er den Einwand geltend gemacht, daß Lorenzo nicht dienotwendige Gelehrsamkeit und Redegewandtheit besäße, und daßes ihm, dem ehrsamen Wollkämmer, besser zieme, sich um seinGeschäft als um das Verfassen von geistlichen Büchern zukümmern. Er habe aber die Versuchungen des Teufels überwundenund sei zu der Überzeugung gelangt, daß es bei einem solchenWerke weniger auf gelehrte Kenntnisse und Redegewandtheitals auf christliche Philosophie und Andacht ankäme. Infolge-dessen habe er mit Gottes und der heiligen Zungfrau MariaÄilfe dieses Buch beendet, das er „seiner Schwägerin Nanna,sowie allen Brüdern und Schwestern in Christo" widme.
Leonardo lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Beschreibungder vier christlichen Äaupttugenden, die Lorenzo, wohl nicht ohneHintergedanken in bezug auf seinen Bruder, den berühmtenKünstler, den Malern unter folgender Allegorie darzustellen
Svmvarr, Der Bourgeois 10