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Zweiter Abschnitt: Der Bllrgergeist
anriet: die Klugheit mit drei Gesichtern, zum Zeichen, daß siedie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu erkennen vermag;die Gerechtigkeit mit Schwert und Wage; die Kraft an eineSäule gelehnt; die Mäßigkeit: in der einen .Hand den Zirkel,in der anderen die Schere, „mit der sie jeden Überfluß ab-schneidet".
Aus diesem Traktat wehte Leonardo ein bekannter Geistentgegen, die bürgerliche Gottesfurcht, die seine Kinderjahreumgeben hatte und in der Famile von Geschlecht auf Geschlechtüberging.
Schon hundert Jahre vor seiner Geburt waren die Ahnenseines Äauses ebenso ehrbare, sparsame, gottesfürchtige Beamteder Florentiner Gemeinde gewesen, wie sein Vater Ser Piero.Schon im Jahre 1339 war zum erstenmal in den Akten derArgroßvater des Künstlers, ein gewisser Ser Guido di SerMichele da Vinci als »I^otsjo« der Regierung erwähnt worden.Wie ein Lebender stand sein Großvater Antonio vor seinemGeiste. Die Lebensweisheit des Großvaters glich auf ein Äaarder des Enkels Lorenzo. Er lehrte seine Kinder, nach nichtsErhabenem zu streben — weder nach Ruhm, nach Ehren, nachStaats- oder kriegerischen Ämtern, noch nach übermäßigemReichtum oder Gelehrsamkeit.
„Die richtige Mitte einzuhalten," pflegte er zu sagen, „istder sicherste Lebensweg "
Leonardo glaubte die ruhige und nachdrückliche Stimme desGreises zu hören, mit der er diese Lebensregel von der „goldenenMittelstraße" verkündigte.
„Meine Kinder, nehmt die Ameisen zum Vorbilde, die sichbereits heute um die Bedürfnisse des morgigen Tages sorgen.Werdet sparsam und mäßig. Mit wem soll ich einen gutenÄaushalter, einen guten Familienvater vergleichen? Ich ver-gleiche ihn mit einer Spinne, die im Mittelpunkt des weit aus-