Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden
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gespannten Gewebes sitzt und zur Äilfe herbeieilt, sobald siedas geringste Zittern eines Fadens wahrnimmt."
Er verlangte, daß sich alle Familienglieder täglich zumabendlichen Ave-Maria-Läuten zusammenfänden. Er selbst gingums ganze Äaus herum, schloß die Pforte, trug die Schlüsselin die Schlafstube und versteckte sie unter das Kopfkissen. Nichtdie geringste Kleinigkeit in der Wirtschaft entging seinen Blicken— ob den Stieren zu wenig Keu gereicht worden war, ob dieMagd den Lampendocht zu sehr herausgezogen hatte und dieLampe somit mehr Öl verbrauchte — alles bemerkte er, umalles bekümmerte er sich. Geiz war ihm dabei aber fremd. Erselbst kaufte das beste Tuch zu seinen Kleidern und riet diesauch seinen Kindern; er scheute sich nicht vor der größerenGeldausgabe, da die Kleidung aus gutem Tuche, wie er richtigerklärte, nicht so gewechselt zu werden brauche und somit nichtallein verständiger, sondern auch billiger wäre.
Die Familie mußte nach Ansicht des Großvaters ungetrenntunter einem Dache leben; „denn", pflegte er zu sagen, „wennalle an einem Tische essen, genügt ein Tischtuch, ein Licht, wennsie aber zu zweien essen, brauchen sie zwei Tischtücher, zwei Lichter;wenn ein Kamin alle erwärmt, so reicht ein Bund Scheitholz,für zwei sind zwei notwendig und so ist es in allen Stücken."
Auf die Frauen sah er von oben herab: „Sie müssen sichum die Küche und um die Kinder bekümmern, sich nicht in dieAngelegenheiten des Mannes mischen; ein Tor, der auf Weiber-klugheit baut."
Mitunter hatte die Weisheit Ser Antonios etwas Spitz-findiges. „Kinder," wiederholte er, „seid barmherzig, wie esunsere heilige Kirche von uns fordert; zieht aber die glücklichenFreunde den unglücklichen, die reichen den armen vor. Diehöchste Lebenskunst besteht darin, wohltätig zu erscheinen unddurch Schlauheit den Schlauen zu übertrumpfen."
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