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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Zweiter Abschnitt: Der Burgergeist

Er wies sie an, Obstbäume auf dem Grenzrain zu pflanzen,damit diese das Ackerfeld des Nachbarn beschatteten; er lehrtesie, auf liebenswürdige Art ein Darlehnsgesuch abzuschlagen.Äierist der Vorteil ein doppelter," fügte er hinzu, .ihr behaltet euerGeld und könnt den, der euch betrügen wollte, noch auslachen.Wenn aber der Bittsteller ein gebildeter Mann ist, so wird ereuch verstehen und euch eurer Liebenswürdigkeit wegen, mit derihr seine Bitte abschlugt, nur noch mehr achten Ein Schelm, der nimmt, ein Tor ^ der gibt. Verwandten aber undHausgenossen helft nicht nur mit Geld, sondern auch mit Blut,Schweiß und eurer Ehre mit allem, was ihr besitzt, schontsogar euer Leben nicht für das Wohlergehen der Familie, dennerinnert euch daran, meine Geliebten: es gereicht dem Menschenzum größeren Ruhm und Vorteil, wenn er den Seinen Guteserweist als Fremden."

Nach dreißigjähriger Abwesenheit wieder unter dem Dacheseines großväterlichen Äauses sitzend, dem Geheul des Windeslauschend und die im Kamin verglimmenden Kohlen betrachtend,dachte Leonardo daran, wie sein ganzes Leben dieser haus-hälterischen Lebensweisheit seines Großvaters widersprach, wiees bloß ein ungestümer Überfluß, eine gesetzwidrige Anmäßigkeitgewesen sei, die nach Ansicht seines Bruders Lorenzo von derGöttin der Mäßigkeit mit ihrer eisernen Schere abgeschnittenwerden mußte."

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Wenn wir nun die Entwicklung der bürgerlichen Tugendendurch die Jahrhunderte verfolgen, so wird unser Augenmerkgerichtet sein müssen sowohl auf ihre intensive wie auf ihreextensive Weiterbildung, wie man es nennen könnte. Jenebetrifft den Inhalt der Tugendlehre selbst, diese die Verbreitungsolcher Tugenden unter der Masse. Ansere Kenntnis diesen