Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden
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beiden Problemen gegenüber ist nun durchaus verschiedenerNatur. Das, was ich die intensive Weiterbildung nannte,können wir bis ins einzelste genau verfolgen an der Äand derLehrbücher und Erziehungsschriften, in denen die Tugenden ge-predigt werden; die extensive Entwicklung hingegen können wirnur ungefähr aus Symptomen feststellen.
Eine intensive Weiterbildung der bürgerlichenTugendlehre, wie sie die Quattrocentisten aufgestellt haben, istnun genau genommen überhaupt nicht erfolgt. Was all' diekommenden Jahrhunderte den angehenden Geschäftsleuten gelehrtwird, ist vielmehr nichts anderes, als was Alberti seinenSchülern ans Äerz legte. Zwischen der Lebensführung desGroßvaters Leonardos und der Benjamin Franklins besteht,wie schon gesagt, nicht der mindeste Anterschied. Die Grund-sätze bleiben im engsten Sinne dieselben. Sie wiederholen sichin jedem Jahrhundert fast wörtlich, und alle die Lehrschriftendes 16., 17., 18. Jahrhunderts muten uns wie ÜbersetzungenAlbertis in andere Sprachen an.
Sehen wir uns ein paar repräsentative Werke aus den ver-schiedenen Jahrhunderten an.
Da stoßen wir im 16. Jahrhundert auf eine für jene Zeitcharakteristische Art von Schriften: die Landbauschriftsteller, diewir in allen Ländern gleichmäßig verbreitet finden.
Der Spanier Äerrera bringt dem Äandel wenig Neigungentgegen. Aber was er für den Landwirt an Tugenden an-preist, ist nichts anderes, als was Alberti dem tüchtigenWollhändler wünschte: eine wohlüberlegte Handlungsweise,Abkehr vom Müßiggang , genaue Kenntnis seiner Berufs-tätigkeit
Der Franzose Etienne gibt folgende Verhaltungsmaßregeln:der gute Wirt verbringe seine freie Zeit mit Nachdenken undmit der Besorgung seiner Geschäfte, ohne sich ablenken zu lassen