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Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist
Gewohnheit oder Gesellschaft mich veranlassen könnte. Da ich wußteoder zu wissen glaubte, was recht und unrecht sei, so sah ich nichtein, weshalb ich nicht immer das eine sollte tun und das anderelassen können. Ich fand jedoch bald, daß ich mir eine weit schwie-rigere Aufgabe gestellt, als ich mir eingebildet hatte. Während ichalle Sorgfalt aufbot, um mich vor dem einen Fehler zu hüten, wardich häufig von einem anderen überrascht; die Gewohnheit gewanndie Äbermacht über die Unachtsamkeit, und die Neigung war zu-weilen stärker als die Vernunft. Ich kam zuletzt zu dem Schlüsse,die bloße theoretische Überzeugung, daß es in unserem Interesse liege,vollkommen tugendhaft zu sein, reiche nicht hin, um uns vor demStraucheln zu bewahren, und die gegenteiligen Gewohnheiten müssengebrochen, gute dafür erworben und befestigt werden, ehe wir irgend-ein Vertrauen auf eine stetige gleichförmige Rechtschaffenheit desWandels haben können. Zu diesem Zweck erfand ich mir dahernachfolgende Methode:
In den verschiedenen Aufzählungen der Tugenden und sittlichenVorzüge, welchen ich bei meiner Lektüre begegnet hatte, fand ichderen Verzeichnis mehr oder weniger zahlreich, je nachdem die be-treffenden Schriftsteller mehr oder weniger Begriffe unter demselbenNamen zusammengefaßt hatten. Die Mäßigkeit zum Beispiel wurdevon dem einen auf Essen und Trinken beschränkt, während sie vonanderen so weit ausgedehnt wurde, daß sie die Mäßigung jedesanderen Vergnügens, Verlangens, Gelüstes, jeder Neigung oderLeidenschaft, körperlicher wie geistiger bedeute und sich sogar aufunseren Geist und Ehrgeiz erstrecke. Ich nahm mir nun vor, behufsgrößerer Deutlichkeit lieber mehr Namen anzuwenden und wenigerIdeen mit jedem zu verknüpfen, als wenige Namen mit vielen Ideen.So faßte ich denn unter dreizehn Namen von Tugenden alles daszusammen, was mir zu jener Zeit als notwendig oder wünschenswerteinfiel, und verband mit jedem einen kurzen Lehrsatz, welcher die volleAusdehnung ausdrückte, die ich seiner Bedeutung gab.
Die Namen der Tugenden samt ihren Vorschriften waren:
1. Mäßigkeit. — Iß nicht bis zum Stumpfsinn, trink nichtbis zur Berauschung.
2. Schweigen. — Sprich nur, was anderen oder dir selbstnützen kann; vermeide unbedeutende Anterhaltung.