182 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d, kapitalistischen Geistes
in Zweifel ziehen. Vor allem beobachten wir ein wagemutigesUnternehmertum, das neben einem vorsichtig kaufmännischenHandels- und Verlegertum die Note jener Zeit bildet.
Aber ich möchte doch vor Überschätzung warnen, möchte denGedanken ganz und gar von der Äand weisen, als sei der kapi-talistische Geist in Deutschland selbst im 16. Jahrhundert zueiner Äöhe und Breite der Entwicklung gelangt, die sich auchnur im entferntesten mit der etwa in den italienischen Städtenschon des 14. Jahrhunderts in Vergleich stellen ließe.
Was wir uns zum Bewußtsein bringen müssen, um überden Stand des kapitalistischen Geistes in Deutschland sage im16. Jahrhundert lals anerkanntermaßen seine Entwicklung imZenith stand), richtig zu urteilen ist vornehmlich folgendes:
1. Es können immer nur ganz vereinzelte Erscheinungen ge-wesen sein, in denen kapitalistisches Wesen zutage trat. Die„öffentliche Meinung", die Arteile der Intellektuellen, derführenden Geister lehnen jede Äußerung des neuen Geistesnoch durchaus und übereinstimmend ab. Was Luther über die„Fuggerei " zu sagen weiß, beweist das ebenso wie die Äuße-rungen etwa eines Alrich von Kutten und eines Erasmusvon Rotterdam^). -Mex diese Anschauungen beschränkensich nicht etwa auf die Kreise des Adels und der Gelehrten.Sie waren durchaus volkstümlich. Sebastian Franck über-setzte des Erasmus Schrift"'-') und hatte großen Erfolg damit.Ciceros Traktat „über die Pflichten", in dem er die bekanntenÄußerungen über die Minderwertigkeit des „Handels" (imSinne des Schachers) tut, wurde in jenem Jahrhundert zu einerArt Äausbuch, dank der ungeheuren Verbreitung der vielenÜbersetzungen ^°"). Das alles läßt darauf schließen, daß kapita-listisches Denken und Werten nur erst an der Oberfläche derdeutschen Volksseele geblieben waren.