Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 183
2. Nun könnte man meinen: jene scharfe Kritik, die die Zeit-genossen an dem kapitalistischen Wesen üben, sei ein Beweisgerade dafür, daß dieses rasch zu starker Blüte gekommen sei.Das ist bis zu einem gewissen Grade richtig. And wenn mannur die Größe der Unternehmungen, der Preistreibereien,Monopoltendenzen ins Auge faßt, war der Entwicklungsgraddes Kapitalismus in Deutschland zu jener Zeit ein verhältnis-mäßig hoher. Man muß sich aber erinnern, daß der kapita-listische Geist noch viele andere Bestandteile hat, und diesewaren damals bei uns nur kümmerlich zur Entfaltung gekommen.Ich denke an alles das, was wir Nechenhaftigkeit genannt haben.Wie gering das in Deutschland im 16. Jahrhundert ausgebildetwar, dafür habe ich schon einige Zeugnisse angeführt. Ich er-innere an Geschäftsbücher wie die des Ott Ruland (15. Jahr-hundert), Geschäftsberichte wie die des Lucas Rem (16. Jahr-hundert), die alle mit den gleichen Dokumenten des italienischenGeistes des 14. und 15. Jahrhunderts keinen Vergleich aus-halten. Nechenhaftigkeit geht nicht verloren. Wie gering ent-wickelt sie in Deutschland aber noch im 18. Jahrhundert war,damals im Vergleich mit der englischen und holländischen Ge-schäftsroutine, habe ich bereits gezeigt.
3. Jedenfalls war jene „Hochblüte" kapitalistischen Geistesim 16. Jahrhundert (wenn man schon von einer solchen redenwill) von kurzer Dauer. Noch während des 16. Jahrhundertssetzt auch in Deutschland jener Feudalisierungsprozeß ein, denwir aus Italien bereits kennen, und saugt die bedeutendenAnternehmerfamilien rein auf. Ein Nachwuchs von Bourgeoisist aber während der beiden folgenden Jahrhunderte nur in sehrgeringem Amfange und sehr bescheidenem Ausmaße vorhanden.Erst im 18. Jahrhundert beginnt ein regeres industrielles undkommerzielles Leben, das dann noch einmal zu Beginn des19. Jahrhunderts ermattet. Man kann ohne Übertreibung sagen.