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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wtrtschaftsmensch 229

wort unserer Zeit geworden. Das bis zur Raserei gesteigerteVorwärtsgehen und Stürmen ist ihre Eigenart; man weiß es ja.

Man weiß auch, wie dieses Äbermaß von geschäftlicherTätigkeit die Körper zermürbt, die Seelen verdorren macht.Alle Lebenswerte sind dem Moloch der Arbeit geopfert, alleRegungen des Geistes und des Äerzens dem einen Interesse:dem Geschäft zum Opfer gebracht. Das hat wiederum in ge-schickter Weise uns Kellermann in seinem Tunnel-Buch ge-schildert, wenn er von seinem Kelden, der eine kraftstrotzendeVollnatur gewesen war, am Schlüsse sagt:Schöpfer desTunnels war er zu seinem Sklaven geworden. Sein Gehirnkannte keine andere Ideenassoziation mehr als Maschinen,Wagentypen, Stationen, Apparate, Zahlen, Kubikmeter undPferdestärken. Fast alle menschlichen Empfindungen waren inihm abgestumpft. Nur einen Freund hatte er noch, das warLloyd. Die beiden verbrachten häufig die Abende zusammen.Da saßen sie in ihren Sesseln undschwiegen."

Besonders deutlich tritt diese Zerrüttung des Seelenlebensim modernen Wirtschaftsmenschen zutage, wo es sich um denKern des natürlichen Lebens: um die Beziehung zu den Frauenhandelt. Zu einem intensiven Erfülltsein mit zarten Liebes-gefühlen fehlt diesen Männern ebenso die Zeit, wie zu einemgalanten Liebesspiel, und die Fähigkeit der großen Liebes-leidenschaft besitzen sie nicht. Die beiden Formen, die ihrLiebesleben annimmt, sind entweder die völlige Apathie oderder kurze äußerliche Sinnenrausch. Entweder sie kümmern sichum Frauen überhaupt nicht, oder sie begnügen sich mit denäußeren Liebesgenüssen, die die käufliche Liebe zu bieten vermag.(Wie weit bei diesem eigentümlichen und ganz typischen Ver-hältnis des Wirtschaftsmenschen zu den Frauen eine natürlicheVeranlagung mitspielt, werden wir in einem anderen Zusammen-hange zu prüfen haben.)