Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 239
leiters und unterliegt ganz besonderen Gesetzen. Ein Geschäftist solide, sagen wir: es hat als solches den Ruf derSolidität, vielleicht seit Generationen. Wir kennen ihre In-haber gar nicht; es ist vielleicht ein Gesellschaftsunternehmen, viel-leicht eine ganz und gar unpersönliche Aktiengesellschaft mitwechselnden Direktoren an der Spitze, deren persönliche Moralitätman nicht nachprüfen kann und nicht nachzuprüfen braucht. DerRuf der „Firma bürgt für deren Charakter. Wir können dieseVerschiebung des Begriffes der Solidität aus der Sphäre derpersönlichen Charaktereigenschaften und ihre Übertragung aufeinen Geschäftsmechanismus besonders deutlich verfolgen, wo essich um die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens handelt. Wennfrüher das Vertrauen in die Solidität z. B. einer Bank aufdem Ansehen alter Patrizierfamilien beruhte, so ist es heute imwesentlichen die Äöhe des investierten Kapitals und der Reserven,was einer Aktienbank ihre Stellung in der Geschäftswelt undbeim Publikum verschafft. Daß diese großen Geschäfte „solide"geführt werden, nimmt man — bis etwa ihre Schwindelhaftigkeitentdeckt wird — als selbstverständlich an. Also auch hier derselbeProzeß der „Versachlichung", den wir bei den anderen „bürger-lichen Tugenden" beobachten konnten.
Das gilt natürlich alles bloß für die großen Unternehmungen.Für mittlere und kleine Unternehmer bleibt auch heute noch inGeltung, was wir für die früheren Zeiten des Kapitalismushaben feststellen können. Da bilden die bürgerlichen Tugendennoch heute einen Bestandteil der Charaktereigenschaften desAnternehmers selbst, da sind sie als persönliche Tugenden nochimmer die notwendigen Voraussetzungen des wirtschaftlichenVorwärtskommens. Aber der hochkapitalistische Geist tritt unsin seiner Reinheit doch nur in den großen Unternehmen undihren Leitern entgegen.
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