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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker

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bedingungen bestand denn etwa zwischen Spanien und Italien ,zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Schottland undIrland? Man darf die späteren geschichtlichen Erlebnisse dieserLänder nicht unter die verschiedenen Entwicklungsbedingungenzählen, da sie ja selbst wieder erst ihre Erklärung in der ver-schiedenen Grundveranlagung finden. Oder will man leugnen,daß jedes Volk den Staat, die Religion, die Kriege hat, diees verdient", das heißt, die seiner Eigenart entsprechen?

Ebenso spricht für die Nichtigkeit unserer Annahme einerursprünglich verschiedenen Veranlagung der Amstand, daß wirdie unterveranlagten oder überveranlagten Völker (umgekehrt)unter verschiedenen äußeren Lebensbedingungen gleiche Entwick-lungen durchmachen oder bewirken sehen. Das gilt auch fürdie innerhalb der überveranlagten Völker ersichtlich zutagetretende Artverschiedenheit ihrer kapitalistischen Veranlagung:auch diese führt unter ganz heterogenen Verhältnissen zu wesens-gleichen Lebensäußerungen.

Zu den Völkern mit kapitalistischer Llnterver-anlagung rechne ich vor allem die Kelten und einige ger-manische Stämme, wie namentlich die Goten (es ist ganz undgar nicht angängig, diegermanischen" Völker als grundsätzlichgleichveranlagt anzusehen; sie mögen einige Wesenszüge gemein-sam haben, die sie von völlig andersgearteten Völkern, wieetwa den Juden, unterscheiden; unter sich weisen sie aber,namentlich was ihre wirtschaftliche Veranlagung anbetrifft,außerordentlich große Unterschiede auf: ich wüßte nicht, wie dieVerschiedenheit der Veranlagung zum Kapitalismus größer seinsollte als etwa zwischen Goten, Langobarden und Friesen).

Äberall wo Kelten die Mehrheit der Bevölkerung bilden,kommt es überhaupt zu keiner rechten Entwicklung kapitalistischenWesens: die obere Schicht, der Adel, lebt mit großer seigneurialerGeste ohne allen Sinn für Sparsamkeit und bürgerliche Tugend-