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Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
Der herrschenden Ansicht von der Stellung der Kirchenlehrezu den Anforderungen des emporkommenden Kapitalismuslaufen die hier geäußerten Anschauungen stracks entgegen. Manhat bisher nicht nur diesen den kapitalistischen Geist förderndenGehalt der thomistischen Ethik übersehen, man hat geglaubt,aus ihr eine Anmenge von Lehren und Vorschriften oder Ver-boten herauslesen zu sollen, die angeblich alle eine Todfeindschaftgegen die neuen Menschen des kapitalistischen Zeitalters und ihreBestrebungen enthalten. Der erste und, soviel ich sehe, bis jetzteinzige Forscher, der dieser herrschenden Auffassung entgegen-getreten ist, ist Franz Keller, auf dessen wertvolle Schriftich zu verschiedenen Malen bereits hingewiesen habe. Ihm ver-danke ich die Anregung zu einem erneuten, eingehenden Studiumder scholastischen Quellen, das mich nicht nur völlig von derRichtigkeit der von Keller vertretenen Ansichten überzeugt,sondern mir über diesen hinaus die deutliche Erkenntnis ver-schafft hat, daß das Gegenteil von dem, was man bisher an-genommen hat, und was ich selbst im Vertrauen auf die früherenUntersuchungen angenommen hatte, richtig ist: daß die An-schauungen der Scholastiker, vor allem natürlich der des Spät-mittelalters, über Reichtum und Erwerb, insbesondere auchihre Ansichten über die Statthaftigkeit oder Anstatt!)aftigkeit desZinsnehmens, für die Entfaltung des kapitalistischen Geistesnicht nur kein Hindernis bedeuten, daß sie vielmehr wesent-lich zur Stärkung und Beförderung dieses Geistes beitragenmußten.
Das ist im Grunde gar nicht so erstaunlich, wenn man sichdie Männer näher ansieht, die wir vornehmlich als Scholastikerkennen. Wir haben uns sehr zu Anrecht daran gewöhnt, inihnen weltfremde, abstruse Stubengelehrte zu erblicken, die inendlosen Wiederholungen und unerträglichen Weitschweifigkeitenunwirkliche Dinge traktierten. Das gilt gewiß von vielen der