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Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
Wesen ebenso zuhause war wie im Wechselgeschäst, in derSeidenindustrie ebenso wie im Tuchhandel.
Äören wir nun, wie sich diese Leute zu dem neuen Wirt-schaftssystem und seinem Geiste stellen.
Fragen wir zunächst, welche Auffassung die scholastische Ethikvon dem Problem des Reichseins oder Armseins alssolchem hat, so haben wir festzustellen, daß das frühchrist-liche Armutsideal, das manche der Kirchenväter und die meistenAnhänger der Sekten erfüllt, ganz und gar verschwunden ist.An sich ist es für den frommen Christen belangslos, ob er armoder reich ist: es kommt nur auf den Gebrauch an, den er vonseinem Reichtum oder seiner Armut macht: nicht Reichtum oderArmut an sich flieht der Weise, sondern nur ihren Mißbraucht).Wägt man die beiden Verfassungen des Reich- und Armseins gegen-einander ab, so neigt sich die Wage eher zugunsten des Reichtums ^).Reichtum und Armut sind gleichermaßen eine Fügung GottesMit beiden verbindet er in seiner Güte bestimmte Zwecke: denArmen will er zur Geduld erziehen, dem Reichen ein Zeichenseiner Gnade geben oder auch ihm die Möglichkeit verschaffen,den Reichtum gut zu verwenden ^). Daraus folgt aber diePflicht der guten Verwendung. Auch darf der fromme Christ seinÄerz nicht an ihn hängen, darf ihn auch nicht als Mittel zurSünde benutzen. Tut er das nicht, verwendet er den Reichtumpflichtgemäß, so gebührt diesem nicht der Vorwurf der Iniquitas,der ihm zuweilen gemacht wird ^°°). Zweck des Reichtums kannnatürlich niemals der Reichtum selbst sein; er darf immer nurals Mittel betrachtet werden, um dem Menschen und durch denMenschen Gott zu dienen. Jener ist der nahe, dieser der ent-fernte Zweck: kinus propinquus, kinis remotus.
War das Reich sein zu allen Zeiten von den Scholastikernals ein von Gott gewollter Zustand betrachtet worden, so wardie Stellung zu dem Problem des Reicher Werdens nicht