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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus

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immer die gleiche. Hier vertrat derÄ- Thomas die grundsätz-lich statische Auffassung, wie ich sie nannte, jene Auffassung desruhenden Gesellschaftszustandes, wie sie allem vorkapitalistischenWesen entspricht. Jedermann steht an seinem Platze und bleibtdarauf sein Leben lang: er hat einen bestimmten Beruf, einenbestimmten Stand, ein bestimmtes Auskommen, das seinemStande entspricht:den standesgemäßen Unterhalt". Alle Ver-änderungen, alle Entwicklung, allerFortschritt" sind innerlicheVorgänge und betreffen die Beziehungen des Einzelmenschen zuGott . Danach war also auch das Maß des Reichtums(mensura äivitiae), über das jeder zu verfügen hatte, ein fürallemal bestimmt: prout 8unt necesssnae a6 vitam nominissecunäum suam conclitionem: er war so reich wie es seinemStande entsprach.

Eine solche Auffassung konnte sich in dem revolutionären14. und 15. Jahrhundert nicht halten. Sie stellte die Beicht-väter täglich vor die schwierigsten Probleme, denn genau befolgtführt sie ja zu der Schlußfolgerung: daß niemand sich ausseinem Stande in die Äöhe arbeiten, daß niemand Reichtumerwerben könne, der ihn befähigte, einen höheren standesgemäßenAnterhalt zu bestreiten.

Ein rusticus müßte danach immer rusticus, der artifeximmer arMex, der civi8 immer eivis bleiben, keiner dürfte sichein Landgut kaufen usw.: »quae sunt manifeste absur^a«:was offenbar Ansinn wäre, wie Kard. Caietanus inseinem Kommentar gegen die vom Ä. Thomas scheinbar ver-tretene Ansicht einwendet. Offenbar, meint er, muß die Mög-lichkeit für jedermann bestehen, sich emporzuarbeiten, also auchreicher zu werden. And er begründet diese Möglichkeit wiefolgt: wenn jemand hervorragende Eigenschaften (Tugenden)besitzt, die ihn befähigen, über seinen Stand hinauszuwachsen, sosoll er auch die Mittel dazu erwerben dürfen, die dem höheren