Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Wanderungen ZZZ
Ich will in aller Kürze — da die ausführliche Darlegungdes Tatsächlichen uns von unserm geraden Gedankenwegeabführen würde — die notwendigsten Angaben über den Ver-lauf dieser Wanderungen machen, soweit diese Angaben un-entbehrlich sind, um sich eine annähernd richtige Vorstellung vonder äußerlich feststellbaren Bedeutung der genannten Be-wegungen zu verschaffen.
1. Die Wanderungen der Juden"")
Die Juden sind ein Wandervolk seit der babylonischen Zeit.Diejenigen räumlichen Verschiebungen des Iudenvolks, die hiervornehmlich in Betracht kommen, setzen mit dem Ende des15. Jahrhunderts ein, als, wie man annimmt, 300000 Judenaus Spanien nach Navarra, Frankreich, Portugal und nachdem Osten auswanderten- Ein beträchtlicher Teil dieser spani-schen Juden ging nach England, Holland und in deutsche StädteFrankfurt a. M. und Kamburg (während um dieselbe Zeit eineMenge oberdeutscher und ebenso italienischer Städte ihre Judenaustrieben). Seit den Kosakenverfolgungen im 17. Jahrhundertbeginnt dann die Abwanderung der östlichen Juden aus Polen ,wohin sie sich während des Mittelalters aus allen Erdteilengeflüchtet hatten. Dieser Prozeß der Zerstäubung der russisch-polnischen Juden hatte einen ziemlich organischen Verlauf ge-nommen, bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Kraterplötzlich wieder große Massen auswarf und jene ungezähltenÄunderttausende, die in den letzten Jahrzehnten ihre Zuflucht inder Neuen Welt gesucht haben. Im ganzen handelt es sichbei dieser Abwanderung der östlichen Juden um die Bewegungvon Millionen. Beträgt doch der Verlust, den allein dieGegenden des östlichen Preußens durch die Abwanderungder Juden bloß in den Iahren von 1880-1905 erfahren haben,über 70000.