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Dritter Abschnitt: Die sozialen Amstände
„Die Stadt Posen hatte ihren ehemaligen Glanz und die Größeihres Handels demjenigen Teile seiner Einwohner zu verdanken,welche aus Schottland emigriert waren und unter der Erhaltung vielerPrivilegien sich allhier als Kaufleute etabliert hatten."
Flüchtlinge aus der Pfalz und Kolland, Reformierte undMennoniten, sind es gewesen, die den Grund zu der (gleich aufkapitalistischer Basis errichteten) Crefelder Seidenindustrie gelegthaben. Mitglieder der um 1688 eingewanderten Familie von derLeyen sind als die Begründer der Seidenindustrie in Creseld an-zusehen. Im Jahre 1768 beschäftigte die Firma Friedr. und Heinr.von der Leyen 2806 Menschen in der Seidenindustrie ^«).
Holländer waren (neben Juden) die führenden Bankhäuser derReichsstadt Frankfurt a. M.
Bekannt ist die Rolle, die die französischen Emigranten imdeutschen Wirtschaftsleben des 17. und 18. Jahrhunderts gespielthaben: daß sie hier allerorts vor allem die kapitalistische Industriemeist erst begründet haben und einzelne große Handelszweige (wiez. B. den in Seidenwaren) fast ganz in ihren Händen hatten.
Die wichtigsten Kolonien französischer Refugies waren ^") imKurfürstentum Sachsen, in Frankfurt a. M., in Hamburg , in Braun-schweig, in der Landgrafschaft Hessen (Kassel !) und — vor allem —in Brandenburg-Preußen. Die Zahl der unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich III. aufgenommenen Franzosen wird auf 25666geschätzt, davon in Berlin allein 16 666^). Die Refugies führtenüberall das System der .Manusactures reunies", wir würden alsosagen: der kapitalistischen Hausindustrie, ein; namentlich in der Er-zeugung von Wollstoffen, so in Magdeburg (1687 beschäftigtenAndre Valentin aus Nimes und Pierre Claparede aus Montpellier 166 Arbeiter an Webstühlen und 466 Spinnerinnen), Halle a. S.,Brandenburg, Westfalen, Berlin , und in der Seidenfabrikation.Andere Industrien, die den Franzosen ihre Begründung oder Weiter-entwicklung im kapitalistischen Sinne verdanken, waren die Erzeugungvon Strümpfen, Hüten (1782 wird die erste Hutfabrik mit 37 Ar-beitern von einem Franzosen in Berlin begründet^"), Leder, Hand-schuhen, Papeterien, Spielkarten, Leinöl, Luxusseifen (1696 wird dieerste Luxusseifenfabrik von einem Franzosen in Berlin errichtet^"),Lichter, Glas, Spiegeln u. a.^).