440 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände
vaters; alles wirkte auf die Verbürgerlichung der Lebensauffassunghin. Aber die maßlose Schimpferei, in die Alberti verfällt,sobald ihn seine Rede auf die „Signori" bringt, und die dafürzeugen, daß er verteufelt schlechte Erfahrungen mit ihnen gemachthaben mußte, zeigen doch, daß vielleicht die stärkste Triebkraft,die ihn zu seiner gutbürgerlichen Weltanschauung gebracht hatte,das Ressentiment gewesen ist.
Durch alle Zeiten hindurch ist dieses ja die festeste Stützeder bürgerlichen Moral geblieben. Ein tugendhafter „Bürger"verkündet heute noch den Satz und tröstet sich selbst am liebstenmit ihm: „Die Trauben sind sauer."
Wenn nun aber irgendwo und irgendwann die Zünfte, indenen die „bürgerliche" Gesinnung aus reiner Not hauste, dieaber auch gern „aus der Not eine Tugend machten", zu An-sehen und Einfluß gelangen, so daß sie schließlich in einem Gemein-wesen „den Ton angeben", so kann es nicht ausbleiben, daßihre Sinnesart zu einer anerkannten und lobenswerten gestempeltwird. Ihr Geist wird der allgemeine Geist. Dieser Vorganghat sich aber mit besonderer Deutlichkeit wieder in Florenz ab-gespielt, das eben deshalb schon im 15. Jahrhundert vonBürgerlichkeit förmlich trieft, während andere Städte (Venedig I)noch lange Zeit ihr seigneuriales Gepräge bewahren.