Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die vorkapitalistische Berufstätigkeit 4Z9
freies und ungebundenes Leben zu führen, in der inäustr^und fmMl-t^ ihr höchstes Ideal erblickten: dazu bedürfte esder Mitwirkung noch anderer Kräfte. Eine dieser Kräftehaben wir in der Sittenlehre der Philosophen und der Kirchekennen gelernt. Eine andere will ich hier noch namhaft machen.Es ist das Ressentiment.
Man hat in letzter Zeit auf die überragende Bedeutungdieses geistigen Vorganges, den bekanntlich Nietzsche alsWurzel der Umwertung des aristokratischen Wertgegensatzes inden der Äerdenmoral betrachtet, für die gesamte Kulturentwicklungmit Entschiedenheit hingewiesen^). Ich glaube, daß er auchin der Geschichte des kapitalistischen Geistes eine Rolle gespielthat, und ich erblicke sie in dieser Erhebung der aus der Notgeborenen Grundsätze kleinbürgerlicher Lebensführung zu all-gemeinen, wertvollen Lebensmaximen; also in der Lehre der„bürgerlichen" Tugenden als hoher menschlicher Tugenden schlecht-hin. Männer bürgerlicher Lebensstellung, mit Vorliebe wohldeklassierte Adlige, die den Herren und ihrem Treiben mit scheelenAugen zusahen, sind es gewesen, die dieses Treiben als lasterhafthinstellten und die Abkehr von aller seigneurialer Lebensführung(die sie im Grunde ihres Äerzens liebten und erstrebten, vonder sie aber aus äußeren oder inneren Gründen ausgeschlossenwaren) predigten. Der Grundzug in den Familien-büchern Albertis ist das Ressentiment. Ich habeschon früher verschiedene Stellen daraus mitgeteilt, aus denenein geradezu komischer und kindischer Äaß gegen die „Signori"spricht, aus deren Kreise er ausgeschlossen war; sie ließen sichleicht vermehren. And immer endigt die Tirade gegen allesseigneuriale Wesen, gegen die seigneurialen Vergnügungen derJagd, gegen die Sitten der Klientelei usw. mit pharisäischemLob der eigenen braven „Bürgerlichkeit". Gewiß: kaufmännischeInteressen, philosophische Lesefrüchte, Zuspruch des Beicht-