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Geleitwort.
bewogen, eine möglichst umfassende Zergliederung der mensch-lichen Psyche ihrer Darstellung des socialen Lebens voranzuschickenund dieser analystischen Übersicht die Bemerkung hinzuzufügen,dafs die Motive wirtschaftlicher Vorgänge gar nicht einheitliche,sondern eben sehr komplexe seien, so komplex, wie das Seelen-leben des Menschen überhaupt. Ich brauche an Stelle vieler nuran die Systeme der beiden berühmtesten lebenden NationalökonomenDeutschlands: Gustav Schmollers und Adolph Wagners zu erinnern.
Es fragt sich, ob diese unzweifelhaft tief dringende Methodeder Forschung den obersten Anforderungen der Theorie ge-recht zu werden vermag. Ich glaube nicht. Ihre Fehlerhaftig-keit äufsert sich zunächst darin, dafs es bei ihr niemals gelingenwird, die ursächliche Verknüpfung auch nur des einzelnen Phä-nomens mit jener Gesamtheit möglicher Motive durchzuführen. Wasdurch die Aufstellung einer umfassenden Motivtafel geleistet wird,ist höchstens die Möglichkeit einer Erklärung, nicht die Erklärungselbst. Denn in jener Übersicht über die etwa in Frage kommen-den Motive menschlichen Handelns liegt doch noch nicht die Moti-vierung konkreter Vorgänge. Soll diese vorgenommen werden, sobedarf es dazu einer besonderen Analyse, und zwar jedesmal einerneuen Analyse bei jeder neuen Erscheinung: ein aufserhalb desBereichs der Ausführbarkeit liegender Gedanke. Deshalb bleibtbei jener Art der umfassenden Generalmotivation zwischen der(vielleicht die Psychologie bereichernden) Analyse seelischer Vor-gänge und den Phänomenen des socialen Lebens eine Kluft, dieauszufüllen bisher noch niemand unternommen hat.
Aber auch angenommen, die ursächliche Erklärung jedes ein-zelnen Phänomens wäre gelungen, so würde der eben gekennzeich-neten Methode doch immer noch ein Fehler anhaften, der dieschwerstwiegenden Bedenken gegen sie wachrufen müfste; siewürde nämlich das oberste Postulat theoretischen Denkens, das istdie Einheitlichkeit der Erklärung, unerfüllt lassen, da doch wohldie Einheitlichkeit der menschlichen Psyche, in der freilich alle jeneals treibende Kräfte nachgewiesenen Motive zusammengefafst sind,den Sinn jener einheitlichen Anordnung der Erscheinungen, wieihn das Wesen der Theorie enthält, kaum erschöpfen würde, mafsendie Einheitlichkeit hier nicht im einzelnen Subjekt, sondern invielen, zunächst verschiedenen Subjekten gesucht und gefundenwerden soll.
Wollen wir aber einheitlich erklären, und können doch immer