XXX
Geleitwort.
vermag. Und das wird niemals völlig ihr gelingen. Denn hinterdem Gegensatz von Empirie und Theorie birgt sich doch die ur-ewige Feindschaft zwischen Erkennen und Leben, birgt sich derKonflikt des Menschen, der ihm aus dem Streben nach Lösung, woes keine Lösung giebt, erwächst. Wir wollen Einheit, und dasLeben schafft ewig neue Mannigfaltigkeit. So wird es auch hieram letzten Ende auf Resignation hinauslaufen. Die Menschheitwird niemals jenes Dranges entbehren, das Einzelne und das, wasnur gesondert ein Leben hat, in eine tötende Allgemeinheit hinein-zureifsen, „was nie geschrieben wurde, lesen, Verworrenes be-herrschend binden“ zu wollen. Möge sie sich nur immer bewufstbleiben, dafs dieses „Erkennen“ der Dinge, das ohne jene tötendeAllgemeinheit nicht völlig denkbar ist, die armseligste Art bleibt,wie wir ein Verhältnis zu der Welt gewinnen. Möge sich der Ge-lehrte vor allem stets vor Augen halten, dafs er im Grunde einerbärmlicher Wicht ist, der nichts besseres kann, als das tausend-fältige Leben mit einem öden Formelkram zuzudecken; ein schreck-haftes Wesen, in dessen Hand verdorren mufs, was ehedem einenlebendigen Odem gehabt hatte. Glücklich noch der einzelne vondenen, die zum Erkennen verurteilt sind, wenn er wenigstens vonder Natur die Gabe erhielt, durch künstlerische Gestaltung selbstwieder den toten Konstruktionen eine Art von Leben einzuhauchen,wenn er damit ein wenig an dem grofsen Schaffen teilzunehmenvermag. Die Schuld, die jede Wissenschaft am Leben begeht,kann nur dadurch gesühnt werden, dafs sie in ihren Schöpfungenselbst ein neues Leben entfacht, indem sie sie zu Kunstwerken zugestalten strebt. Wobei ich gar nicht in erster Linie an die Kunstder äufseren Darstellung denke, sondern an den künstlerischenAufbau der Gedanken selbst. Dafs ein wissenschaftliches Systemals solches schön sei, das, scheint mir, ist es, was wir erstrebensollten.
Freilich, um dieses zu vollbringen, bedarf es eigenen künstle-rischen Wesens, und davon steckt in uns Gelehrten von heute nochgar wenig. Es wird einer Erziehung durch Generationen bedürfen,ehe wirklich ein Geschlecht von Künstlern Wissenschaft treibt,ehe (in unserem Falle) die ethische Nationalökonomie von einerästhetischen Nationalökonomie wird abgelöst werden. Aberwas wir heute schon in weiterem Umfange vermöchten, wäredieses: lebendig auch in unseren Werken zu bleiben. Das wäreimmerhin der erste Schritt zur Künstlerschaft. Heute könnten jadie meisten wissenschaftlichen Bücher auch von andern als ihren