Geleitwort.
XXXI
Verfassern geschrieben sein, was doch ein beschämendes Zeugnisfür uns ist. Für mich erscheint es nicht einen Augenblick zweifel-haft, dafs es das höchste Ziel meines wissenschaftlichen Strehensist: auch in ihm als lebendiger Mensch fortzuleben. Und wennvon diesem trotz Wissenschaft bewahrten Menschtum auf die starren,kalten Formen des in diesem Werke errichteten Lehrgebäudes einSchimmer fiele, so wäre mir dieses das freudigste Bewufstsein.Denn auch stillose, langweilige Vorstadtbauten vermögen uns einenAugenblick zu fesseln, wenn die Abendsonne ihre Strahlen aufihnen ruhen läfst.
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Was mir in diesem Geleitwort nun noch zu vollbringen ob-liegt, ist nur dieses: mit wenigen Worten den Gesamtplanzu entwickeln, der dem Werke zu Grunde liegt und einige Mit-teilungen zu machen über die Anordnung des Stoffes, der in denbeiden vorliegenden Bänden zur Verarbeitung gelangt ist.
In dem wirtschaftlichen Leben der europäischen Völker folgenseit dem Niedergang der antiken Kultur drei grofse Epochen auf-einander: was die frischen Völker an Stelle der alten Wirtschafts-verfassung setzen, ist, wie bekannt, zunächst eine vorwiegend agrarischeKultur. Das Wirtschaftsleben wird beherrscht von zwei sich er-gänzenden Grundgedanken: auf seiner Scholle den Unterhalt fürsich und die Seinen durch der eigenen oder fremder Hände Arbeitzu gewinnen und durch Häufung abhängiger Landarbeiter Machtim Staate zu erringen. Die bäuerlich-feudale Organi-sation ist der Ausdruck dieses Strebens; sie beherrscht das ge-samte Wirtschaftsleben.
Die zweite grofse Epoche wird durch die Befreiung der wirt-schaftlichen Arbeit von der Schollenhaftigkeit eingeleitet. In denmittelalterlichen Städten und in der durch sie beherrschten Tausch-wirtschaft wird wieder die Existenzmöglichkeit selbständiger Wirt-schaftssubjekte ohne Grundbesitz geschaffen. Das Mittel dazu istdie Verselbständigung der gewerblichen Arbeit, wie sie in derhandwerksmäfsigen Organisation zur Wirklichkeit wird.Der Grundgedanke dieser Wirtschaftsverfassung ist der: durcheigene, zunächst nur gewerbliche Arbeit für andere sich die standes-gemäfse, traditionelle „Nahrung“ zu sichern. Diese Idee, vonder die handwerksmäfsige Organisation durchdrungen ist, wird dannwiederum für das gesamte Wirtschaftsleben die Leitidee. Das