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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Erstes Kapitel. Wirtschaft und Betrieb.

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Wirtschaften, die mehrere Betriebe umfassen:

Eine Hauswirtschaft enthält mindestens landwirtschaftlichen undgewerblichen Betrieb;

Ein Herrenhof (Fronhof, oty.og) umschliefst meist eine ganze An-zahl von Betrieben, als Landwirtschaft auf dem Salland,Landwirtschaftsbetiiebe der pflichtigen Bauern, Müllerei,Brauerei, gewerbliche Thätigkeit der Frauen, Schmiederei-betriebe etc.

Eine kapitalistische Unternehmung kann zahlreiche Betriebs-einheiten bei hausindustrieller Organisation, im Filialsystembei Handelsunternehmungen etc. umschliefsen, aber auch beigrofsindustrieller Betriebsanordnung mehrere Werke, Ab-teilungen eines Etablissements, die als selbständige Betriebeanzusehen sind.

Eine Genossenschaft (Konsumverein!) hat häufig verschiedeneBetriebe: Bäckerei, Fleischerei etc.

Betriebe, die mehreren Wirtschaften angehören,sind seltener, kommen aber doch vor. Ich denke z. B. an die Zunft-einrichtungen des Mittelalters: die Schleifereien, Tuchrollen, Mang-und Färbehäuser, an die Walkmühlen und Wollküchen, die vonsämtlichen Handwerkern genützt wurden; auch die Spinnstubekann man hierher rechnen und wohl auch die mittelalterliche Organi-sation der Saline 1 ; ich denke an Lohnschneidereien, wenn sie voneiner Anzahl Tischlern eingerichtet für diese thätig sind; an Zwischen-meisterwerkstätten, die für mehrere Verleger arbeiten u. dgl.

Von wie entscheidender Bedeutung nun aber unsere Einteilungfür die Beurteilung wirtschaftlicher Zusammenhänge ist, möge dieeine Thatsache erweisen, dafs eine bestimmte Betriebsform sagedie Fabrik ganz verschieden zu werten ist, je nachdem sie bei-spielsweise kapitalistischen oder gemeinwirtschaftlichen Zwecken dient,dafs man also gar nicht von der Leistungsfähigkeit einer bestimmtenBetriebsform spricht, wenn man etwa die Arbeitsresultate einer kapi-talistisch geleiteten Fabrik ins Auge fafst z. B. Lieferung vonSchleuderware sondern es vielmehr dabei mit den verschiedenenZwecksetzungen verschiedener Wirtschaftsformen zu thun hat.

Und ach! wie häufig sind Verwechslungen solcher Art beispiels-weise zwischen Handwerk und Kleinbetrieb, zwischen Grofsbetriebund kapitalistischer Unternehmung!

1 Vgl. über diese Gust. Schmoller, Die geschichtliche Entwicklungder Unternehmung VIII, in seinem Jahrbuch XV (1891), 651 ff.