Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen.
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läfst es sich in einem Wort ausdriicken, einheitliche Produktions-leitung, sondern einheitliche Werkleitung 1 . Ebensowenig genügtdazu die einheitliche kaufmännische Spitze eines „Geschäfts“, d. h.einer Unternehmung: eine Unternehmung, die an ganz verschiedenenOrten je eine Spinnerei, eine Weberei, eine Druckerei etc. hat, istnicht ein Betrieb, sondern zerfällt in eine Anzahl Betriebe. Dasäufsert sich beispielsweise in einer vielleicht völlig verschiedenenBetriebsordnung bei den einzelnen Betrieben: wenn in diesem
katholische Feiertage eingehalten werden, in jenem nicht 2 ; wennin diesem eine chikanöse Behandlung der Arbeiter stattfindet, injenem nicht; wenn in diesem gestreikt wird, in jenem nicht; wennin diesem ein neues Verfahren eingeführt wird, in jenem nicht;wenn dieser ganz eingestellt wird, jener nicht; wenn in diesem dieArbeitszeit verkürzt oder verlängert wird, in jenem nicht u. s. w. u. s. w.
Genügt danach einheitliche Produktionsorganisation nicht, umdie Einheitlichkeit eines Betriebes zu begründen, so ist umgekehrt
1 Dafs die Betriebseinheit bei der hausindustriellen Organisation nicht
von der Gesamtheit der dem Kommando des Verlegers unterstehenden Haus-industriellen, sondern von dem einzelnen Hausindustriellen dargestellt wird,prägt sich uns besonders deutlich ein, wo die hausindustriellen Betriebe sichzu gröfseren „Zwischenmeisterwerkstätten“ auswachsen. Diese oft recht statt-lichen Betriebe wird jedermann notwendig als einheitliche, abgeschlosseneIndividuen ansehen müssen; zumal wenn sie bald für diesen, bald für jenenoder sogar zugleich für mehrere Verleger arbeiten. Letzteres ist auch beieinzelnen Hausindustriellen häufig der Pall: in welchem Betriebe würden siealsdann arbeiten ? oder würde der Heimarbeiter in einen anderen Betrieb ein-treten, wenn er die Hosen des einen Verlegers weglegt und die Weste desanderen in Angriff nimmt?! Interessant ist es, zu beobachten, wie durchallerhand Auskünfte die Verleger die offenbaren Mängel der Nichteinheitlich-keit der hausindustriellen Betriebe zu verringern bemüht sind. So durch An-stellung sog. „Eintreiber“, über die der „Konfektionär“ vom 16. März 1899folgendes bemerkte: „Eintreiber werden gesucht! Dieser Ausdruck
mag wohl neu sein, bisher gab es in der Konfektion nur Einrichter. ,Ein-treiber 1 werden solche junge Leute genannt, welche während der Saison täg-lich von morgens früh bis abends spät die Schneider besuchen müssen unddafür zu sorgen haben, dafs die Lieferungen pünktlich herauskommen, dafsdie Schneider flott liefern, dafs sie notwendige und eilige Sachen zuerst vor-nehmen, dafs sie jetzt gestickte Kragen und keine Tüllkragen abliefern, dienoch nicht gebraucht werden etc. Solche Eintreiber sind jetzt sehr gesucht.“
2 Vgl. z. B. den viel besprochenen Fall der Aussperrung der Arbeiter aufdem Piesberg, welche der Georgs-Marienhütte angehörten. Der Streit warentstanden, weil auf diesem Bergwerk andere katholische Feiertage eingehaltenwerden sollten als auf den übrigen. Schliefslicli wurde der Piesberg gar nichtmehr in Betrieb erhalten, das Bergwerk ersoff. Siehe Deutsche Industrie-zeitung XVII (1898) Nr. 9, S. 193 f.