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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen.

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liehen Leitung: sie erhalten Arbeit und Arbeitsstätte von Tag zuTag angewiesen, müssen zu bestimmten Zeiten bestimmt vor-geschriebene Arbeiten ausführen und unterstehen dabei der unaus-gesetzten Kontrolle desMeisters oder besonderer Aufsichtspersonenin ganz grofsen Betrieben. Weiter aber reicht die Vereinheitlichungder verschiedenen Arbeiten nicht: diese werden vielmehr mit den-selben Werkzeugen und derselben Technik ausgeführt wie in Zwerg-betrieben, die je nur eine Arbeitsstätte haben. Woran auch durchdie Thatsache nichts geändert wird, dafs in den grofsen Betriebendie einzelnen auszuführenden Arbeiten bestimmten Specialarbeiternüberwiesen werden: ihre Ausführung bleibt doch immer eine durch-aus individuale. Auch von den sog.Anbringungsgewerben imBaufache können manche im grofsen betrieben werden und dochIndividualbetriebe sein. Der Beurteilung von Fall zu Fall mufs esVorbehalten bleiben zu bestimmen: wann ein Individualbetrieb imgrofsen, wann ein gesellschaftlicher Grofsbetrieb vorliegt 1 ; ebensoaber auch: wann es sich um einen einheitlichen Betrieb und wannblofs um eine einheitliche Disposition der Produktion beispielsweisein einer Unternehmung, aber ohne wirklich einheitliche Betriebs-ordnung handelt 2 .

Es heifst nun keineswegs, sich der Haarspalterei schuldigmachen, wenn man, wie es hier geschieht, diese eigenartigeBetriebsform, die gewöhnlich mit den übrigen sog.Grofsbetriebenzusammengeworfen wird, zu selbständiger Bedeutung erhebt. DieTheorie bringt dadurch vielmehr nur einen praktisch aufserordentlichwichtigen Unterschied zum richtigen Ausdruck. Was nämlich jedennoch so grofsen Individualbetrieb von jedem noch so kleinen gesell-schaftlichen Betriebe unterscheidet, ist einmal der Umstand, dafs inihm irgend welche höhere Arbeitsorganisation, vor allem irgendwelche an die gesellschaftliche Nutzung von Produktionsmitteln ge-bundene höhere Verfahrungsweise ausgeschlossen ist. Von derSpecialisierung der Arbeitsverrichtungen abgesehen, die aber schon,wie wir sahen, bei einheitlicher Produktionsorganisation ausführbarist, also der Einheitlichkeit des Betriebes gar nicht erst bedarf, istdie Form des Arbeitsprozesses im grofsen Individualbetrieb nicht

1 Den Beginn einer Vergesellschaftung des Malereibetriebes beispiels-weise bedeutet es unzweifelhaft, wenn (wie es heute schon häufig vorkommt)an einer und derselben Malerarbeit nacheinander verschiedene Special-arbeiter beteiligt sind.

2 Vgl. dafür meine Ausführungen über die Kriterien einheitlicher Be-triebsgestaltung oben S. 11 ff.

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