Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen.
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achtung hat dagegen die Manufaktur bis heute in ihrer zweitenForm gefunden, so dafs es notwendig erscheint, hierfür einige lehr-reiche Beispiele beizubringen.
Ich wähle als solche: die Porzellanmanufaktur und die Kunst-möbelmanufaktur 1 .
Die Herstellung desPorzellans umfafst vier unterschied-liche Teilprozesse der Produktion: 1. die Herrichtung der Materials;2. die Formgebung; 3. den Brennprozefs; 4. die Farbengebung.Von diesen Teilprozessen sind — in einem grofsen Betriebe, wieer hier allein inbetracht kommt — zwei (1. und 3.) vollständiggesellschaftlich organisiert; zwei (2. und 4.) fast überall derIndividualarbeit Vorbehalten. Eine Reihe mächtiger Maschinenhilft das Rohmaterial für die Porzellanbei’eitung zerkleinern, dasdann wiederum auf maschinelle Weise in riesigen Mischkesseln dierechte Zusammensetzung und Durchnässung empfängt. Aus derzurechtgekneteten Thonmasse wird nunmehr ein Kubus losgetrennt:das Material für die Thätigkeit des Formers. Diese ist durchausindividualisierte Handarbeit: selbst bei der rohesten Ware, die ander Drehscheibe zu Hunderten von Dutzenden gleicher Gröfse undForm abgedreht wird. Geschweige denn bei kunstvolleren Ge-bilden, für die recht eigentlich die Individualarbeit ihre Bedeutungempfängt. Hier sitzt Künstler neben Künstler mit Griffel undSpartel in der Hand und formt die Lieblichkeiten, deren wir unsals der Erzeugnisse Berliner, Meifsener, Sevrescher Kunst er-freuen. Hat er sein Werk vollendet und seinen Geist ihm ein-gehaucht, so wird es nun wieder in den Strudel gesellschaftlicherProduktion hineingerissen und wandert mit vielen Brüdern in denBrennofen: diesen mächtigen, an Hochöfen erinnernden ingeniösenGebilden, die, selbst das kunstvolle Werk vieler, zu ihrer Be-dienung eines Stabes geschulter Arbeitskräfte und reichlichen
1 Ähnlich ist die Organisation der grofsen Bronzewarenmanufakturen. DieWerke von Christofle z. B. beschreibt ein guter Beobachter wie folgt: „C’estl’orfövrie moderne aux puissantes machines, le chef d’usine qui transformele minerai en lingot, qui fait tourner ses laminoirs & la vapeur, qui par jourestampe 5000 couverts, qui a des bains d’argent et qui produit, en cuivregalvanique, des statues colossales, c’est lui qui se complait ä faire une mig-nonne Statuette d’ivoire elegante et fine, ä l’habiller d’or fin, k la camper surun socle d’argent aux ciselures delicates et pour ces precieux ouvrages, Mercidlui prete son concours. -Ces deux puissances s’entr’aident, l’artiste Eminentet le maitre de forges savant s’unissent pour cette oeuvre d’orfevre; voilä del’art industrielle et du bon.“ L. Falize, Orf6vrerie d’art in der Gazette desBeaux Arts III. Pör. Tome II. p. 435/36.