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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit.

besteht nämlich die empirisch feststellbare Thatsache: dafs einerSteigerung der Produktivkräfte eine zunehmende Specialisierung,also Differenzierung parallel geht. Diese Beobachtung giebt unsdie Berechtigung, das Mafs der ökonomischen Diffe-renzierung als den Ausdruck des Entwicklungsgradesder Produktivkräfte zu betrachten 1 .

Nun ist aber jede Specialisierung wirtschaftlicher Thätigkeitimmer nur eine Seite eines komplexen Phänomens. Sie bedeutet r

zunächst eine Einbufse an wirtschaftlicher Selbständigkeit und hatzur stillschweigenden Voraussetzung die Wiedererwerbung ökono-mischer Existenzmöglichkeit durch die Inbeziehungsetzung zu an-deren specialisierten Thätigkeiten, die jene erstere ergänzen. Damitein Gesamtbedarf gedeckt werde, ist die Zusammenfügung speciali-sierter Thätigkeiten notwendig. Vom Standpunkt dieses Gesamt-bedarfs aus stellt sich also die Specialisierung als Mit- oder Teil-arbeit an einem Gesamtwerk dar (daher der mifsverständliche Aus-druck Arbeitsteilung!). Die Zusammenfügung einzelner Special-thätigkeiten zu einem Gesamtprodukt können wir nun zwar nichtschön, aber treffend Vergesellschaftung nennen. Alsdann erhaltenwir den Satz: der Grad der Specialisierung wirtschaft-licher Thätigkeiten entscheidet über den Grad der >

Vergesellschaftung des Wirtschaftslebens, was in natur-wissenschaftlicher Terminologie heifst: der Grad der Differenzierungbestimmt den Grad der Integrierung. Indirekt also ist auch derGrad der Vergesellschaftung der Ausdruck für den Grad der Ent-wicklung der produktiven Kräfte. Wenn wir nun das Mafs derVergesellschaftung zum Einteilungsprincip der Wirtschaftsstufenwählen, so werden wir, denke ich, allen Anforderungen gerecht,die an ein solches zu stellen sind, denn

1. ist es ein sociales Phänomen, an das wir anknüpfen;

2. ermöglicht es die Vergleichbarkeit verschiedener Wirtschafts-weisen, ist aber

3. doch ein solches, das die für die Gestaltung des Wirtschafts-lebens relevanteste Thatsache: die Entwicklung der Produktivkräftein unmittelbare Berücksichtigung zieht und

4. wird es der thatsächlichen historischen Entwicklung desWirtschaftslebens am ehesten gerecht.

1 Eingehender erörtert habe ich diesen Punkt in meinen Studien überdie Gewerbliche Arbeit etc. a. a. 0. S. 389 Anm. 1.