Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 99
sich handelt, in der That noch Handwerker geblieben sind trotzihres Verkaufs an Zwischenhändler. In diesem Sinne gehe ich zunächstnäher ein auf den Tuchhandel im Mittelalter. Er bildet be-kanntlich den hervorragendsten-Handelszweig jener Zeit überhaupt;und seine Existenz würde in der That fast allein genügen, umalle Vorstellungen von dem Kundenarbeitscharakter des Hand-werks als irrtümlich zu erweisen. Von seiner Ausdehnung undOrganisation sind wir verhältnismäfsig gut unterrichtet schon seitlängerer Zeit durch die noch heute nicht überholten StudienBr. Hildebrands aus den 1860er Jahren 1 , dann durch SclunollersTucherbuch 2 , neuerdings durch eine Reihe vortrefflicher Einzel-arbeiten, sowie durch die zusammenfassende Darstellung Schuttes 3 .
Dafs das 12. Jahrhundert bereits einen ausgedehnten Handelmit handwerksmäfsig erzeugtem Tuch hatte 4 5 , dürfen wir als aus-gemacht betrachten. Die Errichtung einer Wandschneidergilde, dieim wesentlichen den Tuchhandel betrieben, 1152 in Magdeburg durchErzbischof Wichmann, in Hamburg durch Heinrich den Löwen, zeigtuns den Anfang eines immerhin schon bedeutenden Tuchhandels injenen Gegenden. Kölner Tuch ging schon 1192 den Rhein hinaufund wurde von Regensburger Kaufleuten bis Wien gebracht.
Für das 13. Jahrhundert häufen sich die nachweisbaren Fälleinterlokalen Tuchhandels. Wir dürfen annehmen, dafs der Absatzder Tuche teils, wie schon erwähnt, durch die Handwerker selbstbesorgt wurde, teils von den Gewandschneidern, d. h. berufsmäfsigenTuchhändlern, die ebenso wie die Handwerker gleichzeitig detaillierten.Was nun das charakteristische Merkmal der Entwicklung im 14. Jahr-hundert ausmacht aufser einem gewaltigen Aufschwung der Tuch-industrie in sämtlichen Produktionsländern 6 , ist dieses: dafs es den
1 Zur Geschichte der deutschen Wollindustrie in den Jahrbüchern fürNÖ. Bd. VI und VII.
2 Schmoller, a. a. 0. S. 11 ff.
3 A. Schulte, Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs etc.2 Bde. 1900. 1, 117 ff.
4 Auch im 11. Jahrhundert finden wir schon Tücher als Objekte desinternationalen Handels; so in England nach Aelfrics Colloquy (ca. 1000) beiThorpe, Analecta Anglo-Saxonica (1868) cit. bei Ashley 1, 70. Und innoch frühere Zeit reicht der Handel mit sog. „friesischen Tüchern“ zurück:vgl. J. Klumker, Der friesische Tuchhandel zur Zeit Karls d. Gr. und seinVerhältnis zur Weberei jener Zeit. S.-A. aus den Jahrb. d. Gesellsch. fürbild. Kunst etc. zu Embden. Bd. 18. 1899. Es ist aber nicht wahrscheinlich,dafs es sich vor dem 12. Jahrhundert schon um die Erzeugnisse handwerks-mäfsiger Weberei gehandelt habe.
5 Von der grofsartigen Ausdehnung des internationalen Tuchhandels im
7*