Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 137
wissen, so mächtig, dafs auch die höchsten Geburtenziffern die ent-stehenden Lücken nicht zu stopfen vermochten. Es braucht nuran bekannte Dmge erinnert zu werden:
1. den Mangel an aller Hygiene in Stadt und Land;
2. die Häufigkeit und Blutigkeit der Kriege; vor allem aber
3. die beiden Geifseln des Mittelalters: Hungersnöte undSeuchen, die gern in Gemeinschaft sich einstellten h
Alle Länder werden gleichmäfsig von ihnen heimgesucht 1 2 undüberall wirken sie in derselben verheereirden Weise. Das 14. Jahr-hundert hat am meisten zu leiden: es ist das Jahrhundert der Pestv.ax e&yjjv.
Man mag darüber streiten, bis zu welchem Grade die Angabender Zeitgenossen über die Höhe der Sterbeziffern Glauben verdienen —ob z. B. in England ein Drittel oder die Hälfte der Bevölkerung odernoch mehr der Pest zum Opfer gefallen sind 3 —, darüber kannkein Zweifel herrschen, dafs die Verwüstungen hinreichend waren,um die Bevölkerungszunahme ein Jahrhundert lang aufzuhalten.
2. ist für die Lebensfähigkeit einer Wirtschaftsform die gewerb-liche Produktion von entscheidender Bedeutung die Zuwachsrate
1 „Auf die Not folgen, man kann fast sagen, immer grofse Volkskrank-heiten; mortalitas und pestilentia sind untrennbare Begleiter einer jedenHungersnot.“ F. Curschmann , Hungersnöte im Mittelalter (1900) S. 60.
2 Für die Hungersnöte vgl. jetzt das in Anm. 1 genannte Buch, dasals 6. Band der Leipziger Studien aus dem Gebiete der Geschichte erschienenist. Dazu ferner: Denton, 1. c. S. 91 ff. „famine . .. was so common in Eng-land, that all attempts to specify the years of scarcity would only mislead“(92) und Levasseur (l 2 , 523), der für Frankreich im 14. Jahrhundert 19,im 15. Jahrhundert 16 Hungerjahre annimmt. — Uber die Pest vgl. aufserdem bekannten Werk von Hecker-Hirsch, Die grofsen Volkskrankheitendes Mittelalters, 1865: für Deutschland : B. Honig er, Der schwarze Tod inDeutschland, 1882; K. Lechner, Das grofse Sterben in Deutschland , 1884;für Frankreich : Levasseur, Classes ouvriferes p. 521 ff.; Pop. franij. 1, 176und die daselbst cit. Litteratur; für Italien : das grofse Werk von A. Corradi,Annali delle Epidemie, P. 1 (1865) bis 1500, umfafst auch die Hungersnöte undM. Kova 1 ewsk 3 ’ in der Zeitschr. f. Soc. u. W. Gr. 3, 406; für die Nieder-lande , insbesondere für Belgien : das ausführliche Werk von L. Torfs,Fastes des calamites publiques survenues dans les Pays-Bas et particuli&re-ment en Belgique etc.: Epidemies — Famines — Inondations, 1859. In Eng-land hat das Problem eine besonders eingehende Behandlung erfahren. Diewichtigsten Schriften sind neuerdings zusammengestellt und besprochen beiCh. Petit-Dutaillis, Introduction histor. zu: A. Rdville, Le soul6vementdes travailleurs d’Angleterre en 1381 in den Mem. et doc. publ. par la Soc.de l’ecole des chartes 2 (1898), XXX ff.
3 Rogers nimmt Vs, Cunningham V 2 , Denton noch mehr an.