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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.
derlandwirtschaftlichenÜberschufsbevölkerung,d. h.also desjenigen Bevölkerungsteiles, für den in der Sphäre der land-wirtschaftlichen Thätigkeit kein Spielraum mehr ist. Handwerk imGewerbe ist an die Voraussetzung geknüpft, dafs die agrarischeUberschufsbevölkerung gering sei, bezw. was dasselbe ist, dafs fürdie ländliche Zuwachsbevölkerung die Möglichkeit bestehe, durchIntensität des Anbaues oder Besiedelung von Neuland ihre Arbeits-kraft zu verwerten. Das ist nun aber offenbar wiederum die r
Signatur namentlich während der ersten Jahrhunderte des Mittel-alters, in denen, wie wir sahen, überhaupt nur von einer Be-völkerungszunahme die Rede sein kann. In Deutschland fälltdie Rückeroberung des Ostens durch das Deutschtum, also eineungeheuere Expansion des vorhandenen Siedelungsgebiets zusammenmit der Auflösung der alten grundherrlichen und klösterlichenGrofseigenwirtschaften, also einer günstigen Konjunktur für bäuer-lichen Besitz und bäuerliche Wirtschaft 1 . Dieser Situation ent-sprechend finden wir denn auch bis in das 14. Jahrhundert hineineine den Zuzug vom Lande nicht nur völlig freilassende, sondernzum Teil direkt begünstigende Niederlassungspolitik in den Städten 2 .
Und erst allmählich gleichen Schritts mit der zunehmenden Aus-schliefsungstendenz der Gewerbegesetzgebung entwickelt sich aucheine zurückstauende, exklusive Niederlassungspolitik, in dem Mafsenämlich, wie aus hier nicht zu erörternden Gründen die agrarischeUberschufsbevölkerung an Stärke zunimmt.
Aber auch in andern Ländern schwindet die terra libera erstim späteren Verlauf des Mittelalters dahin. Von Frankreich heifst es für die Zeit von 1200—1350: „chaque jour signale denouvelles appropriations du sol, de nouvelles conquetes du la-boureur 3 .“ In dem England des 14. Jahrhunderts wird, wie inDeutschland, das Siedlungsgebiet künstlich durch Auflösung derGutswirtschaften ausgeweitet 4 . Ein verhältnismäfsig dicht besiedeltes
1 Vgl. hierüber L amprecht, Deutsche Geschichte 3, 57 ff.; denselben,Zum Verständnis der wirtschaftlichen und socialen Wanderungen in Deutsch-land vom 14. zum 16. Jahrhundert (Zeitschrift für Soc. und Wirtsch. Gesch.1, 191 ff.).
2 Vgl. z. B. Stahl, Das deutsche Handwerk 1, 8 f. Bücher, Dieinneren Wanderungen und das Städtewesen in ihrer entwicklungsgeschicht-lichen Bedeutung in: Entstehung der Volkswirtschaft 2. Aufl. (1898), 382 ff.
3 D’Avenel 1, 273 ff.
4 Rogers, Hist, of Agriculture and Prices in England 1 (1866), 24 ff..Seebohm, Engl . Vill. Comm. (1883) 33 f. 54.