Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 15)
Die wesentlichste Garantie einer qualitativ stabilen Nachfragebietet aber die schwere Wandelbarkeit der Produktionsprozesse, wiesie dem empirischen Verfahren entspricht.
Quantitativ stabil und sicher wird die Nachfrage aber dannsein, wenn die Menge der erzeugten Waren nicht in einem rascherenVerhältnisse wächst als die Kaufkraft der Käufer.
Das aber ist wiederum die Signatur für alle Zeiten früherKultur, insonderheit auch für das europäische Mittelalter. Sie istbedingt durch die Aufwärtsbewegung vor allem der landwirtschaft-lichen Produktion. Wir haben bis gegen Ende des Mittelalterseinen an Wohlhabenheit zunehmenden Bauernstand. Bis tief indas 14. Jahrhundert hinein und zum Theil nocli darüber hinaussteigert sich die Kaufkraft der zinspflichtigen Bauernschaft in allenLändern, weil sich in dieser Zeit die Ertragsfähigkeit des Bodensbedeutend vermehrt, ohne dafs die Zinse dementsprechend erhöhtwerden h Und daneben haben wir eine nicht ärmer werdende Klassevon geistlichen und weltlichen Rentenbeziehern auf dem Lande, aberauch in den Städten * 1 2 . Daher eine kaufkräftige Nachfrage mitwachsender Aufnahmefähigkeit vom Lande her, die dann weiter-wirkend auch den Gewerbestand durch die hohe Bewertung undRemunerierung seiner Erzeugnisse kaufkräftig erhält, zumal so langedessen Mitglieder sämtlich noch, um in moderner Terminologiemich auszudrücken, ganz oder annähernd den „vollen Arbeitsertrag“als Entgelt zurückerhalten: ich denke an die hohen Gesellenlöhne,die, wie jedermann weifs, bis zum Ende des Mittelalters die Regelbildeten.
Dafs endlich eine Art von natürlicher Schutzvorrichtung fürdas Handwerk in der Extensität des Marktes geschaffen war, wie
duktion und Thatsache während langer Zeiträume des europäischen Mittel-alters, in dem just das Handwerk zu hoher Blüte gelangte. Über die Sta-bilität des Waffenabsatzes im Mittelalter äufsert sich treffend Thun,Industrie am Niederrhein 2, 16 f.
1 Siehe für Deutschland die Ziffern bei Lamprecht, W. L. 2, 612 f.und vgl. dazu 1, 621 f. L.s theoretische Ausführungen möchte ich mir dagegennicht zu eigen machen. Für England vgl. Rogers 4, 740 und passim; fürFrankreich: Levasseur; für Italien : C. Bertagnolli, Le vicende dell’agri-coltura in Italia (1881) 246 ff. Gr. B ian ch i, La proprietä fondiaria (1891) 95 ff.;für Belgien: H. Pirenne, Gesch. Belgiens 1 (1899), 842 f.
2 Gerade diese Käuferklasse von Grundrentenbeziehern,die für alle Luxuswaren (Waffen, Geschmeide, Gewebe, Pelzwerk etc.) in denAnfängen der Kultur die einzige ist, ist für den Bestand des Handwerkswährend des Mittelalters von entscheidender Bedeutung. Ich betone das ab-weichenden Meinungen gegenüber, wie sie unlängst wieder geäufsert sind.