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Erstes Blich. Die Wirtschaft als Handwerk.
satz sicher und stabil gestalten, tiefer gesucht werden. Und daergeben sich etwa folgende:
1. Gründe auf der Seite der Nachfrage.
Die Nachfrage nmfs qualitativ und quantitativ stabil undsicher sein, d. h. es mufs stets eine gleiche Menge gleichartigerDinge nachgefragt werden.
Nun wird die Nachfrage qualitativ um so unwandelbarer '
sein, je weniger die Kategorien von Personen sich verändern, dieals Käufer auftreten, und je weniger der Geschmack dieser Per-sonen Wandlungen unterworfen ist. Je weniger die Schichtungder gesellschaftlichen Verhältnisse sich ändert, d. h. je stabiler dieStruktur der Gesellschaft ist, desto mehr werden die Käuferartenimmer dieselben bleiben. Jahrhundertelange Gliederung eines Volkesin die althergebrachten „Stände“ der Geistlichkeit, Ritterschaft,
Bauern und Bürger bedeutet also stereotype Nachfrage, die quali-tativ um so stabiler ist, je weniger sich innerhalb dieser Gruppendie Sitten und Gebräuche ändern, in moderner Terminologie: jeseltener die Mode wechselt. Eine Bauernschaft, die in mehrerenJahrhunderten eine einheitliche Tracht entwickelt und bewahrt,und eine moderne Grofsstadtbevölkerung, die in zehn Jahren zehn ►
Kleidermoden und fünf Möbelstilarten totreitet, sind etwa dieExtreme in dieser Hinsicht.
Es ist nun offensichtlich, dafs, als das Handwerk eine seinerBlütezeiten erlebte, während des europäischen Mittelalters diese Be-dingung qualitativ stabiler Absatzverhältnisse erfüllt war. Es fehltejenen Zeiten noch fast gänzlich dasjenige, was wir heute mit demWorte „Modewechsel“ zu bezeichnen gewohnt sind. „Der Sinndes Mittelalters war an sich auf das Hergebrachte, Überlieferte ge-richtet. Ein rascher Wechsel der Mode ist in Deutschland vorMitte des 14. Jahrhunderts nicht zu beobachten und hat auch vonda an mehr den Schnitt der Kleider als die Arten der Gewebeergriffen. Man glaubte im Mittelalter unbeschränkt an ein schlecht-hin Seinsollendes auf allen Gebieten, auch auf dem Gebiete derwirtschaftlichen Bedürfnisse und der Technik 1 .“
1 Schmoller, Tücher- und Weberzunft S. 20. Nebenbei bemerkt:Schmoller kehrt hier Ursache und Wirkung um. Aber das geht uns andieser Stelle nichts an. Es wird in anderm Zusammenhänge nachzuweisensein, welches die thatsächlich treibenden Kräfte bei einem Modewechsel sindund weshalb Moden verhältnismäfsig stabil bleiben. Hier genügt der Hinweisauf die qualitativ stabile Nachfrage als Bedingung handwerksmäfsiger Pro-
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