Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 149
dort zuerst zerstört wird, wo es sich nicht etwa um Export nachaufsen, sondern um den Absatz am selben Orte, also im Rahmeneiner mehr oder weniger abgeschlossenen Kundschaft handelt 1 .Umgekehrt haben wir oben schon genug Fälle kennen gelernt, indenen eine zweifellos handwerksmäfsige Organisation der Produktionbei ganz und gar nicht kundenmäfsigem Abnehmerkreise, sonderntrotz Export und trotz Zwischenhandel vortrefflich gedieh.
Sicher und stabil ist der Absatz vielmehr überalldort, aber auch nur dort, wo zwischen Angebot undNachfrage ein stetes Gleichgewicht oder ein Mifs-verhältnis derart besteht, dafs die Nachfrage demAngebot voraus eilt; wo aber für den einzelnen Pro-duzenten Produktions- und Absatzbedingungen an-nähernd natürlich gleiche sind.
Dafs nun diese Kennzeichen sicheren und stabilen Absatzesnicht nur bei dem reinen Kundenverhältnis sich finden, dürfte beigenauer Prüfung aufser Zweifel sein. Auch der marktbesuchendeoder hausierende Handwerker ist in gleicher Lage wie der anKunden auf Bestellung liefernde, wenn er bestimmt darauf rechnenkann, dafs kein anderer seinen Platz am Markte einnehmen wird,ehe er eintrifft und kein anderer die Strafse gezogen sein wird,ehe er mit seinem Pack oder seinem Karren des Weges daherkommt. Und nicht minder der an den Händler verkaufende Hand-werker, vor dessen Thür zu den nämlichen Zeiten der nämlicheKaufmann erscheint, um ihm die nämliche Menge Erzeugnisse zuden nämlichen Preisen 2 wie bisher abzunehmen. Ein treffendesBeispiel solcherart stereotypierter Warenlieferung bei weitaus-schauendem Export ist die Versorgung mit Waffen aus den Nieder-rheinischen Handwerkerrevieren während des Mittelalters, wie sieuns Thun geschildert hat 3 . Also müssen die Gründe, die den Ab-
1 Von der Pariser Weberei erfahren wir, dafs sie schon im 13. Jahr-hundert einen Differenzierungsprozefs derart durchlebte, dafs die ärmerenMeister von den reicheren anfiugen, verlegt zu werden. „Ces draps auxquelsceux de Flandre et de Beauvais faisaient concurrence se vendaient ä desparticuliers qui les fournissaient ä leurs tailleurs.“ Martin-Sa i n t - L e o n, Hist, der corporations p. 174.
2 Es ist ebenso sehr ein Kennzeichen früherer Wirtschaftsperioden dasungeheure Schwanken der Agrarproduktenpreise wie die verhältnismäfsigeStabilität der Preise gewerblicher Erzeugnisse. Die Erklärung für das ersterePhänomen ist oft gegeben, diejenige für das andere wird im weiteren Ver-lauf dieser Darstellung zu geben versucht.
3 Vgl. Thun, Industrie am Niederrhein 2, 16/17.