Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. ] 53
angesiedelten Gebieten des fernen Westens, sind aber sofort geneigt,und mit Recht, hier eine Ausnahmegestaltung, einen Übergangs-zustand zu erblicken. Und doch hat es offenbar Zeiten gegeben,in denen Mangel an Handwerkern nicht die Ausnahme, son-dern die Regel bildete. „Im 14. und der ersten Hälfte des 15. Jahr-hunderts sehen wir häufig ganze Städte sich bemühen, einen odereinige Färber zu erhalten, so Brietzen 1355, Efslingen 1401, Leipzig 1469 h“ Und das war schon eine verhältnismäfsig späte Entwick-lungsperiode.
Fragen wir nun aber, welche Komplikation von Umständennötig war, um einen solchen Zustand des Unterangebots von Hand-werkern herbeizuführen, so mögen wir etwa folgende Momenteals die hauptsächlich ausschlaggebenden anführen: Zunächst undvor allem mufs die agrarische Überschufsbevölkerung, die die Reihender gewerblichen Produzenten zu vergröfsern imstande wäre, geringsein. Wir sahen, dafs diese Bedingung im grofsen Ganzen nament-lich für das frühe Mittelalter zutrifft. Ein weiteres Moment, welchesder allzuraschen Vermehrung der Zahl gewerblicher Produzentenentgegenzuwirken vermag, ist die Schwierigkeit, den Nachwuchstechnisch heranzubilden. So lange es dazu eines langen Stufen-ganges, einer regelrechten Lehr- und Lernzeit, der persönlichen,gewissenhaften Unterweisung durch den Meister bedarf, wie dasempirische Verfahren es erheischt, so lange ist die Züchtung einerNachkommenschaft gewerblicher Produzenten von Natur in engeSehranken gebannt. Was aber endlich in früheren Zeiten, jenenalso, die sich als dem Handwerk so viel mehr angepafste erwiesen,zum letzten die Übersetzung mit handwerksmäfsig ausgebildetenArbeitskräften hintan halten mufste, war die oben gekennzeichneteallgemeine populationistische Signatur, die in einer außerordentlichhohen Sterblichkeit und somit niedrigen Zuwachsraten der Be-völkerung ihren Ausdruck fand. Daher war auf die zweite Hälftedes 14. Jahrhunderts, in denen die Wirkungen des schwarzen Todesam fühlbarsten sich gestalteten, die Zeit des gröfsten Handwerker-und Arbeitermangels überhaupt. Damals wurde das Mißverhältniszwischen Angebot und Nachfrage so grafs, dafs man vielerorts
1 Schmoller, Tücher- und Weberzunft S. 92. Der beste Beweis fürdie Knappheit an Handwerkern sind die aller früheren Zeit eigenen Be-günstigungen durch Privilege aller Art, wodurch Fürsten und Städte fremdeHandwerker an ihr Gebiet zu fesseln versuchten. Belege hierfür beizubringen,ist bei der Notorietät der Thatsache überflüssig.