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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.
Was wiederum an Glaubwürdigkeit gewinnt, wenn wir hören,dafs der gemeine deutsche Kaufmann in Nowgorod im 14. Jahr-hundert in maximo 1000 M., also noch nicht 10000 M. heutigerWährung umsetzte.
Überall bietet sich uns dasselbe Bild dar: von wenigengröfseren, meist gar nicht berufsmäfsigen Kaufleuten abgesehen,eine wimmelnde Schar kleiner und kleinster Händler, wie sie aufden Jahrmärkten von Könitz und Krotoschin uns heute begegnen;oder wie wir sie auf den Landstrafsen entlegener Gebiete mit ihremPacken auf dem Rücken oder auf ihrem mit einem Pferdchen be-spannten Karren noch heute antreffen können.
II. Der Händler.
Mit den letzten Worten haben wir schon das Bild derjenigenMänner zu skizzieren begonnen, die Träger des berufsmäfsigenHandels in vorkapitalistischer Zeit waren. Wie es die Gröfse ihresGeschäftsbetriebes vermuten läfst, waren sie nichts anderes alshandwerksmäfsige Existenzen. Ihr ganzes Denken und Fühlen,ihre sociale Stellung, die Art ihrer Thätigkeit, alles läfst sie denkleinen und mittleren Gewerbetreibenden ihrer Zeit verwandt er-scheinen. Es giebt in der That nichts Thöriehteres, als das Mittel-alter mit kapitalistisch empfindenden und ökonomisch geschultenKaufleuten zu bevölkern. Das specifisch handwerksmäfsige Wesendes Händlers alten Schlages tritt vor allem in der Eigenart seinerZwecksetzung zu Tage. Auch ihm liegt im Grunde seines Herzensnichts ferner als ein Gewinnstreben im Sinne modernen Unter-nehmertums; auch er will nichts anderes, nicht weniger, aber auchnicht mehr, als durch seiner Hände Arbeit sich recht und schlechtden standesgemäfsen Unterhalt verdienen; auch seine ganzeThätigkeit wird von der Idee der Nahrung beherrscht.
Wir werden sehen, wie dieser Gedanke vor allem in dereigentümlichen Gestaltung der Rechts- und Sittenordnung des altenHandels zum Ausdruck kommt.
Hier mag nur daran erinnert werden, wie der handwerks-mäfsige Geist des urwüchsigen Handels als die selbstverständlicheSeelenstimmung der langen Jahrhunderte des Mittelalters gleichsam
hier handelt es sich um Hunderte kleiner Händler, deren jeder einzelne soviel Waren auf dem Schiffe hatte, als heute ein Paekenträger auf dem Rückenoder allenfalls ein „fahrender Hausierer“ auf seinem Karren mit sich führt.Die Urkunden sind abgedruckt in Hans. Geschichtsquellen 5, 241 ff. (Nr. 326).