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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
künstlerischen oder wissenschaftlichen Vollbringens, dafs es dieMenschen flieht.
„Nur wo du klar ins holde Klare schaust,
Dir angehörst und dir allein vertraust,
Dorthin, wo Schönes, Gutes nur gefällt,
Zur Einsamkeit! — Da schaffe deine Welt!“
Und von diesem Hang alles Schöpferischen zur Einsamkeithat sich der Handwerker noch ein gut Teil bewahrt: am letztenEnde beruht sein bestes Vollbringen in der Mitteilung seiner Per-sönlichkeit an den toten Stoff. Während hingegen der kapitalistischeUnternehmer in der Einsamkeit notwendig verkümmern müfste,weil er vom Commercium lebt. In diesem Angewiesensein auf dieunausgesetzte Verknüpfung von Menschen untereinander liegt diespecifisch gesellschaftbildende Kraft der kapitalistischen Unter-nehmung. Man kann sie daher auch als Verkehrsunternehmung,die von ihr beherrschte Wirtschaftsweise füglich als Verkehrs-wirtschaft bezeichnen.
Die Thätigkeit des kapitalistischen Unternehmers ist aber
2. eine kalkulatorisch-spekulative. Das Symbol dieserWirtschaftsform ist das Hauptbuch: ihr Lebensnerv liegt in demGewinn- und Verlust-Conto. Im Conto: im Rechnen. In derÜbersetzung jedes Phänomens in das Ziffernmäfsige, im Aufrechnenund Gegenrechnen, in der nackten Geldwertung jeder Leistung.Die Idee einer notwendigen Kongruenz zwischen Leistung undGegenleistung ist damit in die Welt gekommen. Wir können dieseSeelenveranlagung, die solchem Verhalten zu Grunde liegt, dieRechenhaftigkeit nennen. Aber das Rechnen des kapitalistischen Unternehmers ist bei der Mannigfaltigkeit der Beziehungen, die erin seinem Geschäftsinteresse knüpfen mufs, oft genug ein Rechnenmit unbekannten Gröfsen. Das macht seine kalkulatorische Thätig-keit zu einer spekulativen. Es ist eine ganz eigenartige psycho-logische Mischung, die durch das Nebeneinander von Kalkulationund Spekulation, von Verstandesschärfe und Phantasiefülle oftgenug in einem und demselben Individuum entsteht. Der schöpfe-rische Unternehmer ist der spekulative Kopf: der Synthetik er,der sich zum Durchschnittsuntei-nehmer, dem blofsen Kalkulatorwie der geniale Denker zum gelehrten Routinier verhält. Einseitigespekulative Veranlagung erzeugt dann die John Laws und Lesseps: die Byron unter den kapitalistischen Unternehmern. Die höchsteBlüte des Unternehmertypus stellen solche Persönlichkeiten dar, indenen die Genialität der Spekulation mit der Nüchternheit des