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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
216
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21G Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.

urwüchsigen Lohnarbeitermaterial spricht. Sei es, dafs ihre Existenzallmählich durch widrige Umstände untergraben wird: weil etwadie Bauernwirtschaft der Anlehnung an den Gemeindebesitz beraubtwird oder der Handwerker der Konkurrenz höherer Wirtschafts-formen unterliegt. Hier handelt es sich also um Arbeitermaterial,das sich aus den Reihen ehemals selbständiger Produzenten rekru-tiert. Ihm verwandt sind diejenigen Existenzen, die zwar nichtselbständige Produzenten, aber doch sonst irgendwie sustentiertwaren, sodafs sie der Lohnarbeit nicht bedurften, um leben zukönnen, und die nun auch durch irgendwelche Verumständung ihrenUnterhalt verlieren und dem kapitalistischen Unternehmer anheim-fallen. Hierher gehören entlassene Söldner, nicht mehr unterstützteAlmosenempfänger, auf Nebenverdienst angewiesene Familienglieder,die ehedem in der Hauswirtschaft ihre Arbeitskraft verwertenkonnten, und ähnliches Gelichter.

Wir wollen alle diese sagen wir depossedierten Existenzen unterdem Begriff der Zuschufsbevölkerung zusammenfassen. DieseZuschufsbevölkerung bildet, wie schon Marx wufste, das Reservoir,aus dem der Kapitalismus sein Arbeitermaterial schöpft, wenn essich um plötzliche Expansion handelt. Sie wird jedoch numerischan Bedeutung weit überragt von demjenigen Bevölkerungsteil, denwir die Überschufsbevölkerung nennen wollen und der ge-bildet wird aus allen denjenigen Personen, die selbständige Produ-zenten (oder was dem gleich kommt) nicht werden können. Hierhandelt es sich also um eine Bevölkerungsschicht, die noch nichtselbständig war, aber auch von der ökonomisch selbständigen Be-völkerung nicht absorbiert wird, also um Bevölkerungselementeaufserhalb, neben den selbständigen Existenzen. Es ist ersichtlich,dafs sich diese Elemente rekrutieren aus dem Nachwuchs, somit inihrer Expansionsfähigkeit an die Schranken organischen Wachstumsgebunden sind. Eine Überschufsbevölkerung bildet sich überalldort, wo die Anzahl der Stellen selbständiger Produzenten ausirgend welchem Grunde eine der Zuwachsrate der Bevölkerungnicht mehr entsprechende Vermehrung erfährt. Das ist auf demLande der Fall, wenn die Rodungen aufhöi'en, die terra liberaihr Ende erreicht, aber auch auf dem besiedelten Gebiete keineweitere Teilung der bäuerlichen Nahrungen mehr stattfindet.Das trifft im städtischen Erwerbsleben zu, wenn die Handwerkekünstlichgeschlossen werden oder doch wenigstens schon dieErlangung einer Meisterstelle an erschwerte Bedingungen geknüpftwird. Das trifft nicht minder zu, wenn im Lauf der Wirtschaft-