Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 247
kennt in der That zahlreiche Beispiele von Steuereinnehmern,Finanzkontrolleuren, Ministern und Kanzlern, die als arme Schluckeranfingen und als reiche Männer starben, denen es also gelungenwar, während ihres Lebens einen Teil des grofsen Stromes der indie Kassen ihrer Herren fliefsenden Steuerbeträge in ihre Taschezu leiten.
Insbesondere in Ländern, die verhältnismäfsig früh zu einerArt moderner Büreaukratie gelangen, wie in Frankreich , wird eineVermögensbildung aus Beamtengehältern und Beamtenunterschleifendurchaus nichts seltenes gewesen sein. Die Gehälter selbst müssenwir uns für die frühere Zeit beträchtlich höher als heute vorstellen.In Frankreich finden wir schon zur Zeit Philipps des Schönenfolgende Gehälter: die beiden Präsidenten der Chambre des
comptes hatten ein Jahresgehalt von 2000 lb. par. (also etwa40—50000 frc. Metallwert heutiger Währung), die Mitglieder be-ziehen 400—000 L. Der Kanzler und erste Präsident des Parla-ments hatten je 1000 L. b Ein französischer Marschall hatte (1350)500 lb. Gehalt, ebensoviel wie ein Prinzenerzieher (1328). Dagegenbeziehen die Inhaber der drei grofsen Hofämter (1408) je 2000 lb.,der Grofskanzler (1472) 4000 lb. 1 2 * .
Besondere Gelegenheit, zu raschem Reichtum zu gelangen,boten überall namentlich auch die Stellungen in der Bergbauver-verwaltung 8 .
Und dafs die regierenden Familien in den Städten häufig genugaus den öffentlichen Mitteln ihre Taschen gefüllt haben, dürftenwir annehmen, auch wenn wir nicht in den Quellen die ausdrück-liche Bestätigung fänden 4 * * * .
1 Vuitry, Etudes sur le rdg. fin. de la France. Nouv. S4r. 1 (1883),287. Pierre Remy, general des finances, hinterliefs bei seinem Tode (1328)ein Vermögen von 1200000 livres (52 Mill. Frcs. heutiger Währung), D’Avenel,Hist. 6con. 1, 149; der Kanzler Duprat ein solches von 800000 äcus und300000 livres, ib. 154.
2 Nach der Zusammenstellung bei Leber, 64ff.
8 „Gegen Ende des 15. Jahrhunderts (1496) nahmen durch Treulosigkeitder darüber gesetzten Amtleute, die sich sichtbarlich dabei bereicherten, dieköniglichen Einkünfte aus [den Bergwerken zu Kuttenberg (Böhmen ) sehr ab.“Gmelin, Beyträge zur Gesch. des teutschen Bergbaus (1783), 89.
4 „Nochtan vindt man vele ghiere
Die scependom copen diereOm tfordeel dat man daer in vindt
Maer om gherechtichede twind.“
Jan’s Teesteye, V. 1132—34. Cit. bei Vanderkindere, Siöcle des Arte-
velde, 140. Für Köln: Hegel in den Chr. d. deutsch . Städte. Bd. 14, Einl.