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Zweites Buch. Die Genesis des moderenn Kapitalismus.
nicht zur Armut zu führen pflegte 1 . Und von den sächsischenMünzmeistern lesen wir, wie sie sich durch ihre Amtsführung sobereichern, dafs sie Schlösser in der Landschaft ankaufen 2 . DieMünzer verdienten vor allem am Geldwechsel, dessen Privileg, wiewir sahen, sie an den meisten Orten hatten.
Und dafs die dargeliehenen Summen nur zu Wucherzinsen ge-geben wurden, ist wohl selbstverständlich, mafsen es sich bei Ritterund König immer um Notschulden handelte. In der Verpfändungder Steuergefälle bei den Grofsen, in dem Eventualverkauf der Güterbei den Rittern und Herren waren zudem Mittel gegeben, ganz un-verhältnismäfsige Rückvergütungen für die vorgestreckten Beträgezu erzielen. Dafs sich in besonderen Notlagen die „Verdienste“ insFabelhafte steigerten, dürfen wir aus gelegentlichen Berichten ohneweiteres schliefsen. So borgte Richard Lejons von Winchelsea(1375/76) dem König von England 20 000 Mk. (856000 Silb. Mk.)gegen 50 °/'u Zinsen 3 . Ganz besonders einträglich sind zu allenZeiten Kriegslieferungen gewesen, weil bei ihnen die Notlage einesganzen Staates ausgenutzt werden kann. So wissen wir von denraschen Bereicherungen englischer Kaufleute durch Kriegslieferungenim 14. Jahrhundert 4 . Und hierher gehört wohl auch die Aus-beutung der Kreuzfahrer durch die italienischen Kommunen. Wirerfahren beispielsweise, dafs sich die Venetianer für die Überfahrteines Ritters nebst 2 Knappen, 1 Pferd und 1 Pferdejungen 8Va Mk.Silber (= 340 Silber Mark = 200 österr. fl. h. W.) bezahlenliefsen 5 , während man heute für die Überfahrt von Triest nachKonstantinopel dem Österreichischen Lloyd in der ersten Klasse124,4, in der zweiten 85,6, in der dritten 37 fl. zahlt.
Einiges weitere Licht auf die Vermögensumschichtung währenddes Mittelalters werfen auch die Ziffern, die wir über ähnliche Ge-schäfte der Geldmächte des 16. Jahrhunderts besitzen. Es ist frei-lich die Dimensionierung ins Ungeheure gewachsen, aber die ver-hältnismäfsige Höhe der Profite wird im Mittelalter sicher nichtgegen die Gewinne der Fugger und Konsorten zurückgestandenhaben. Von letzteren erfahren wir aber, dafs der Pachtschillingder Maestrazzos 1538 — 42 jährlich 152000 Dukaten, der Durch-schnittsertrag aber 224000 Duk. betrug, während in den Jahren
1 Muffat, a. a. O., 225.
2 Cod. dipl. Sax. reg. Bd. 13. Urk. 1003.
3 Alice Law, 1. c. p. 66.
4 Alice Law, 1. c. p. 67.